Entlastende Erzählungen und Aufarbeitung

Dieser Vortrag wurde am 04.11.2010 im Kafe Marat in München gehalten.

Einleitung

Es gibt ein paar Merkwürdigkeiten im derzeitigen Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte. Scheinbar wollen da ein paar Dinge nicht zusammenpassen und auch die radikale Linke tut sich schwer damit, die neusten Entwicklungen theoretisch zu fassen und mit ihrer Kritik das zu treffen, was da gerade passiert.
Will man sich dieser Vergangenheitspolitik nähern, so ist zunächst eines festzustellen: Leugnen tut noch nicht einmal eine Erika Steinbach die deutsche Schuld, auch wenn sie öffentlich über eine polnische Mitschuld am deutschen Überfall auf Polen fabuliert. Und noch etwas ist festzustellen: Deutschland hat aus der Vergangenheit gelernt, nationale Alleingänge sucht es zu vermeiden, Großmachtpolitik wird diplomatisch umsichtig vorangetrieben.

Der Erinnerung an den Nationalsozialismus wird viel Aufmerksamkeit von staatlicher Seite gewidmet, sowohl symbolisch wie auch finanziell – so lange es sich nicht um Entschädigungszahlungen handelt. Dem deutschen Staat und der Bevölkerung Verdrängung, radikale Schuldabwehr oder den Wunsch nach Vergessen vorzuwerfen, wie es noch bis in die Mitte der Neunziger – also bis zum Ende der Ära Kohl – eine berechtigte linke Kritik war, geht am Gegenstand vorbei. Der Staat und ein großer Teil seines Volkes, zumindest aber ihrer Eliten meinen es ernst mit der Aufarbeitung der Vergangenheit. Dies hat auch seine nationale Erbauungsfunktion: Aus dieser Aufarbeitung kann Kapital geschlagen werden, denn man kann auch als linksliberale Antifaschistin nun stolz auf das eigene Land sein, weil es sich so tapfer der eigenen Schande stellt und daraus lernt. Es gibt dafür einen treffenden Begriff: Aufarbeitungsnationalismus.

Und doch haben gerade seit der symbolischen staatlichen Anerkennung der deutschen Schuld, die direkt neben dem Brandenburger Tor in Beton gegossen wurde, entlastende Erzählungen wie Opfermythen, Totalitarismustheoreme und Widerstandsheldensagen neue Konjunktur. Dies war und ist auch immer Gegenstand linker Empörung gewesen. Jedoch scheinen uns diese Phänomene unbegriffen, wenn sich nicht mit dem Phänomen der Aufarbeitung in Beziehung gesetzt werden. Die Frage ist also, wie diese mit entlastenden Erzählungen zusammengeht. Dabei ist natürlich festzuhalten, dass beides nicht bei allen Leuten zusammengeht – links und rechts im bürgerlich-demokratischen Spektrum lassen sich noch ganz gut danach unterscheiden, ob das eine oder das andere mehr oder weniger in Reinform von ihnen vertreten wird. Aber gerade die sogenannte politische Mitte bemüht häufig sowohl aufarbeitungsnationalistische Figuren, als auch entlastende Erzählungen. Warum? Und wie funktioniert das? Es ließe sich ja einwenden, dass der ganze Stolz, die ganze Selbsterhöhung, die aus der Aufarbeitung gezogen wird, durch Entlastung und Relativierung geschmälert wird.

Am deutschen Umgang mit der Geschichte zeigt sich zunächst, dass wer Geschichte als nationale Geschichte, als eigene nationale Geschichte schreibt, immer einen parteiischen Blick hat. Denn das, was unterm Strich herauskommen soll, steht schon vorher fest, nämlich das Deutschland ein tolles Land ist. Diese Annahme kann die Geschichte nicht widerlegen, weil sie es nicht darf. Und hier wirft Auschwitz ein tatsächliches Problem für alle Deutschen auf, die sich positiv auf diese Nation beziehen wollen. In ihrem Bemühen, dieses Problem zu lösen, zeigt sich die ganze ideologische Anstrengung, die es braucht, nationalistische Ideen aufrecht zu erhalten.

Es soll heute abgesehen von dieser allgemeinen Frage vor allem um zwei Beispiele aktueller Gedenkpraxen gehen. Zum einen wird es um den Volkstrauertag gehen und um diejenige Organisation, die sich im Staatsauftrag um die Betrauerung toter deutscher Soldaten besonders kümmert: den VDK. Zum anderen geht es um das Gedenken an den militärischen Widerstand des 20. Juli und seine Leitfigur Stauffenberg. Was beiden Gedenken gemeinsam ist, so unterschiedlich und auch teilweise gegenläufig in ihrer Stoßrichtung sie auch sind, ist ihre Funktion für das Militär. Der Volkstrauertag und der 20. Juli sind die Daten, an denen mit Gedenken an die Zeit des Nationalsozialismus gleichzeitig die Bereitschaft, im Krieg für das Vaterland zu sterben aufgerufen wird und internationales militärisches Engagement legitimiert.
Unsere Kritik an diesen Praxen gilt nicht allein den dabei verbreiteten verfälschenden Erzählungen, sondern vor allem ihrer Funktion für Nationalismus. Wir halten es daher für angebracht, zumindest stichpunktartig mit einer Kritik an Nationalismus zu beginnen.

Nationalismus und entlastende Erzählungen

Eine Kritik des Nationalismus muss notwendig die Kritik von Staat und Kapitalismus mit einschließen. Sonst ist sie immer nur Kritik einer bestimmten historischen Ausprägung des Nationalismus, nicht aber seines Prinzips. Zwar ist es wichtig, sich auch den nationalen Besonderheiten zu widmen, z.B. Fragen, wieso in Frankreich die Leute bereit sind, das ganze Land zu bestreiken, um eine Rentenreform zu verhindern, die in ähnlicher Form in Deutschland fast ohne jeden Widerstand durchging. Jedoch sind diese Besonderheiten auch nur auf Grundlage des gemeinsamen Allgemeinen erst theoretisch richtig zu fassen. Es gilt, zunächst zu fragen, was denn allen historischen Spielarten von Nationalismus gemeinsam ist. Und das gelingt nur, wenn das Zusammenspiel von kapitalistischer Produktionsweise, dem ins private abgeschobenen Reproduktionsbereich und staatlicher Gewalt in den Blick genommen wird. Diese Sätze sind an dieser Stelle programmatisch zu verstehen, sie machen ein Versprechen, was in diesem Vortrag nicht eingelöst werden kann. Es seien nur ein paar Basisbanalitäten über Nationalismus in Erinnerung gerufen, um die Stoßrichtung der Kritik klar zu machen. Wer hier Argumente hören will, muss sie woanders nachlesen.
Das, was wir hier zu Nationalismus sagen, ist nicht nur nicht argumentiert, es ist auch noch dadurch beschränkt, dass wir uns in diesem Zusammenhang erstmal nur dafür interessieren, was Nationalismus für diejenigen bedeutet, die der Nation angehören. Natürlich wäre auch über das mörderische Außenverhältnis, die produzierten Ausschlüsse, Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus zu sprechen.

Zunächst: wir glauben nicht, dass eine begriffliche Trennung zwischen gutem Patriotismus und Nationalismus haltbar ist. Beide Einstellungen haben wesentlich den gleichen Inhalt, nämlich den positiven Bezug auf die eigene Nation. Wir fassen daher auch das, was gemeinhin „Patriotismus“ genannt wird, unter dem Begriff „Nationalismus“.
Die Idee der Nation kann folgendermaßen zusammengefasst werden. Erstens soll die Nation schon vor dem Staat da sein und sich durch bestimmte Gemeinsamkeiten auszeichnen (z.B. Sprache, Kultur, Geschichte). Aus diesen Gemeinsamkeiten soll sich eine nationale Identität ableiten und ein gemeinsames Interesse. Der Staat soll zweitens die Instanz sein, die das vorgängige nationale Interesse um- und durchsetzt und drittens soll er damit die davon verschiedenen individuellen Interessen daran hindern, sich zu ihrem wechselseitigen Schaden gegeneinander durchzusetzen. Er soll also zwischen den verschiedenen individuellen Interessen ausgleichen, die in der kapitalistischen Konkurrenz notwendig unvereinbar sind. Dafür sind auch alle bereit, dem Staat das Monopol auf alle Zwangsgewalt zuzugestehen. Dabei gilt der Staat als Hüter des nationalen Wohls gegen die Widrigkeiten und die chaotische Unüberschaubarkeit des kapitalistischen Weltmarkts, der seine Bürger_innen mit allerlei Versicherungen relativ davor schützt, ihre Existenzgrundlage komplett zu verlieren.

In diesen drei Vorstellungen liegen gleich vier Verkehrungen. Die Nation als abgegrenztes Gebilde ist nicht Ursache staatlicher Gewalt sondern umgekehrt: Erst die gewaltsame Zusammenfassung von Menschen auf einem bestimmten Territorium zu einem exklusiven politischen Gebilde schafft das, was Nation heißt. In dieser Verkehrung liegt eine Legitimationsstrategie: Nur wenn die Nation vor dem Staat kommt, dann ist der Staat überhaupt als Willensausdruck einer Gruppe von Menschen zu verstehen und nicht als bloßer Zwangszusammenhang. Dies ist nämlich die zweite Verkehrung: Der nationale Wille oder das nationale Interesse ist nicht vor dem Staat da, sondern der Staat setzt gewaltsam die Grenzen, innerhalb derer sich dieser Wille auf demokratischem Wege überhaupt bilden darf. Diese Grenzen sind gesetzt durch die Notwendigkeiten kapitalistischer Produktionsweise, deren Fortbestehen der Staat garantiert und gewaltsam schützt. Auch wenn man die Verfassungsgebung als solchen Akt des nationalen Willens verstehen will, kommt man nicht weit: Erstens waren daran nicht alle beteiligt und zweitens wird nicht ständig bei allen nachgefragt, ob sie damit einverstanden sind. Umgekehrt: Der Staat versucht ständig über Schulen, Unis und nicht zuletzt das Bundesamt für politische Bildung die Zustimmung aufrecht zu halten. Und wer sie aufkündigt, wird Gegenstand der sorgsamen Überwachung des Verfassungsschutzes oder auch der Polizei.
Dritte Verkehrung: Das nationale Interesse ist auch nicht der gemeinsame Wille aller, geschweige denn das Gemeinwohl. Umgekehrt: Als Gemeinwohl gilt, was im nationalen Interesse ist, d.h. die Vermehrung des nationalen Reichtums und des globalen Einflusses der Nation. Dass alle Angehörigen einer Nation davon profitieren, ist damit eben nicht garantiert, im Gegenteil: Damit das mit dem Erfolg in der Konkurrenz klappt, müssen die Leute ständig zurückstecken.
Vierte Verkehrung: Der Ausgleich der Interessen und den Schutz vor den Härten des Kapitalismus, den der Staat bietet, erscheint zwar vielen als Wohltat, ist es aber nicht. Zunächst ist der Staat ja derjenige, der die Bedingungen für das Fortbestehen des Kapitalismus gewaltsam setzt. Damit zwingt er zum einen die Leute in die Konkurrenz und damit in unvereinbare Interessengegensätze, zwischen denen er dann gewaltsam vermittelt. Zum anderen setzt er sie den Härten des Kapitalismus erst aus, vor denen er sie nachher schützt. Dies auch nur weil (und nur in dem Maße wie) damit der Ablauf kapitalistischer Produktion garantiert oder zu Gunsten der nationalen Kapitale (wahrscheinlich) optimiert werden kann.
Nationalismus als Ideologie hält an diesen Verkehrungen fest. Gleichzeitig ist mit der Akzeptanz dieser Vorstellungen auch schon einigen Konsequenzen daraus zugestimmt. Zum einen ist die Vorstellung, dass der Staat den nationalen Willen umsetzt, gleichzeitig die Vorstellung, dass die staatliche Gewalt legitim ist. Zweitens ist schon die prinzipielle Bereitschaft bekundet, das eigene Interesse dem nationalen Interesse unterzuordnen. Es ist die Vorstellung, die Nation sei der höhere Wert, für den notfalls Opfer zu erbringen sind.

Allein weil Nationalismus diese beiden Einstellungen zur Konsequenz hat, muss er Gegenstand linksradikaler Kritik sein. In diesen beiden Überzeugungen ist schon 1. der individuelle Schaden und 2. die individuelle Zustimmung zu diesem Schaden ausgedrückt, der Wille zu Verhältnissen, die schon für diejenigen unerträglich sein müssten, deren Position im globalen Vergleich noch relativ privilegiert ist.
Weil aber Nationalismus die Zustimmung zu fremdbestimmten Verhältnissen ist, hat der Staat auch ein massives Interesse ihn zu befördern, sei es durch Schule, Kultur oder durch symbolische Akte. Und eben auch durch eine nationalismustaugliche Geschichtspolitik. Aber nicht nur der Staat hat eine Interesse daran, sondern auch die Subjekte selbst. Nationalismus ist ein Deutungsangebot, mit dem sich das eigene beschissene Dasein und vor allem das eigene Arrangement mit diesem beschissenen Dasein erklärt werden kann. Darüber hinaus bietet Nationalismus natürlich die Möglichkeit sich jenseits der eigenen widrigen Existenz mit etwas zu identifizieren, das Größer ist, als man selbst.

Nationalismus ist also schließlich ein Identifikationsangebot, das auch gerne angenommen wird. Was das Individuum im Kapitalismus spürt, die prinzipielle Austauschbarkeit und Überflüssigkeit der eigenen Person, die Bedeutungslosigkeit des eigenen Lebens angesichts der beschränkten Möglichkeit, auf gesellschaftliche Prozesse einzuwirken, kann durch die Identifikation mit der Nation und deren globaler Bedeutung kompensiert werden. Auch diese globale Bedeutung kann in die Geschichte hinein verlängert werden und schürt das Bedürfnis, Nation nicht als etwas Gegenwärtiges, sondern als etwas über die Jahrhunderte dauerndes zu begreifen. So kann das, was Deutsche oder als Deutsche angesehene große Männer – selten auch große Frauen – in vergangenen Jahrhunderten geleistet haben, und die weltweite Bedeutung dieser Errungenschaften, dem eigenen Konto gutgeschrieben werden.

Dies führt uns zu unserem eigentlichen Thema, Nation und Geschichtspolitik. Zwei Gründe haben wir schon angerissen, warum es ein Bedürfnis danach gibt, eine deutsche Geschichte zu erzählen. Zum einen ist Nationalismus als Zustimmungsideologem darauf angewiesen, immer wieder die Legitimation staatlicher Gewalt und ihre Härten zu begründen. Wie ich versucht habe zu zeigen, ist dafür die Vorstellung, Nation sei dem staatlichen Handeln vorgängig und ihr Grund, relativ zentral. Dafür muss erklärt werden, woraus sich das Nationale überhaupt begründet. Neben Sprache und Kultur ist es die gemeinsame Geschichte, gedacht als gemeinsam durchlittenes und erkämpftes Schicksal, eine zentrale Begründungsfigur. Sie funktioniert aber nur, wenn über die Jahrhunderte oder gar Jahrtausende hinweg ein nationaler Identitätskern behauptet wird, der im Wesentlichen konstant ist. Da stört es übrigens nicht, dass der Inhalt dieses Kerns immer wieder neu diskursiv verhandelt wird, in dem immer wieder die Frage auftaucht, was eigentlich deutsch sei. Denn dass es diesen Kern geben muss, ist vor der Suche schon klar. Derzeit gilt das Streben nach Freiheit als wesentlicher Bestandteil dieser die Zeiten überdauernden Identität, die erstmals mit der Varusschlacht sich der Welt gezeigt haben soll, später dann immer wieder aufflackerte und mit dem Mauerfall zu sich selbst kam.

Der zweite Grund ist die genannte Selbsterhöhung durch die Taten von Deutschen in der Vergangenheit, die als ein Stolz erfahren wird, als wäre man irgendwie selbst dran beteiligt gewesen.
Da aber die Identifizierung mit der eigenen Nation zur Folge hat, dass das Deutsche (was auch immer sich darunter vorgestellt wird) Teil der eigenen Identität ist, sind diejenigen, die unter dieser Identifizierung leiden, darum bemüht, hieraus eine positive Identität zu machen, d.h. als Deutsche gut da zu stehen.

Weil das so ist, ist Auschwitz für die Deutschen auch ein echtes Problem. Im Aufarbeitungsnationalismus scheint eine Lösung dieses Problems gefunden zu sein. Die Tatsache, dass sich die Deutschen der Vergangenheit stellen, obwohl es ihnen als Nationalist_innen doch eigentlich widerstrebt, rechnen sie sich als ganz große Leistung an, die sie auch selbstbewusst vor sich hertragen und mit dem Finger auf andere zeigen, auf die Türkei mit ihren Armenier_innen und die USA mit ihren natives und ihrer Geschichte der Sklaverei. Oder anderen Ländern kann sich gegenüber als Vorbild und Helfer bei der Aufarbeitung angeboten werden: Kambodscha, Südafrika und Ruanda.
Dass mit der Aufarbeitung und der Lehre aus der Vergangenheit alle möglichen Politiken bis zum Krieg gerechtfertigt werden können, hat eindrucksvoll die rot-grüne Regierung mit dem Krieg gegen Serbien vorgeführt.
An diesem Selbstbild der Deutschen als Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung tut übrigens auch der Umstand keinen Abbruch, dass der koloniale Völkermord an den Herero und Nama nach wie vor verdrängt wird.

Nun können wir die Frage von vorhin noch mal stellen: Wenn der Aufarbeitungsnationalismus also die Lösung ist, das Unmögliche zu schaffen und Auschwitz in eine selbsterhöhende Erzählung einzubeziehen, wieso haben dann entlastende und relativierende Erzählungen immer noch so hohe Konjunktur?
Das Problem des Aufarbeitungsnationalismus liegt darin, dass umso ehrlicher Aufarbeitung betrieben wird, desto fragwürdiger die These vom guten nationalen Identitätskern wird. Nach der Konstruktion eines über die Jahrhunderte konstanten Identitätskern besteht aber offenbar ein starkes Bedürfnis. Und dieser muss – um ein guter zu sein – irgendwie vom Nationalsozialismus unbefleckt bleiben. Es bedarf also einiger Konstruktionsleistungen um angesichts des prinzipiellen Schuldeingeständnisses doch dieses unbefleckte Deutschsein zu behaupten. Es bieten sich mehrere Strategien an, dies zu bewerkstelligen.

1. Die These vom Ver-Führer
Die Gründe für den Nationalsozialismus werden nicht in der politischen Situation, sondern in der Person Hitler gesucht. Dabei wird betont, dass er ein „Blender“ war, über viel „Charisma“ verfügte und besonders Frauen zu beeindrucken wusste. Besonders Guido Knopps Hitlershows auf ZDF stehen paradigmatisch für diesen Ansatz und dessen Popularität. Im Lichte dieser Geschichtsbetrachtung wurde das deutsche Volk verführt und dann „indoktriniert“ oder „gleichgeschaltet“. Die einzelnen Personen tauchen gar nicht als eigenständig handelnde Menschen auf, sondern nur noch als Objekte. Weil die Deutschen angeblich „getäuscht“ wurden, trifft sie auch keine Schuld. Mit dieser Verengung der Täterschaft auf wenige muss das Geschehene nicht geleugnet werden, es kann sogar immer und immer wieder erzählt werden. Hinter solchen Erzählungen verschwinden dabei die große Zustimmung der deutschen Bevölkerung, ihre begeisterte Mithilfe und ihre Beteiligung, ohne die der Nationalsozialismus nicht funktioniert hätte.

2. Opferdiskurs.
Wenn auf das Leiden der Deutschen verwiesen wird, dann muss Auschwitz nicht geleugnet werden, um es zu relativieren. Der Trick besteht darin, dass individuelles Leiden prinzipiell unvergleichbar ist, es also schwer als schlimmer oder weniger schlimm zu klassifizieren ist. Wer das tut, zeigt sich schon als Unmensch. Wird der Fokus also auf die Leiden, also die Folgen gelenkt und damit von den Ursachen und politischen Zusammenhängen weg, dann lässt sich tatsächlich nicht mehr vernünftig sagen, dass die Deutschen die Schuld trugen, schließlich haben sie auch gelitten. Gerade in Kombination mit der Ver-Führer-These funktioniert diese Figur bestens.

3. Totalitarismustheorie
Wird abstrakt von Diktatur, Totalitarismus oder Gewaltherrschaft gesprochen, so rückt das das Spezifikum des deutschen Faschismus in den Hintergrund. Zweitens impliziert der Begriff auch den Status der Bevölkerung als Unterworfene, Unterdrückte und nicht als aktiv Beteiligte. Vor allem aber hat die Totalitarismustheorie die Stoßrichtung, Sowjetunion und DDR mit dem NS auf eine Stufe zu heben. Damit können gleichzeitig die Deutschen entlastet werden, weil ihre Angst vor dem Kommunismus als gerechtfertigtes Motiv erscheint, Hitler gewählt zu haben.

Allen drei Entlastungsstrategien können gemeinsam mit der Überzeugung, hier Aufarbeitung zu leisten, gefahren werden. Dabei gehen Aufarbeitung und Entlastung zwar Hand in Hand, zwischen ihnen bleibt aber ein Spannungsverhältnis bestehen.
Die Idee von Aufarbeitung ist so verbreitet, dass es immer eine kritische Öffentlichkeit gibt, die über die Einhaltung historischer Mindeststandards wacht. Daher haben auch die Interventionen von Historiker_innen großes Gewicht. Die Ver-Führer-These in ihrer reinsten Form ist einfach historisch nicht haltbar. Das kann nur ein Historiker-Darsteller wie Knopp öffentlich behaupten. Für den Großteil der Feuilletons ist Knopp daher auch eine Lachnummer. Selbst die aktuelle Hitlershow im Deutschen Historischen Museum achtet peinlich darauf, dass ihr Anliegen nicht mit der Propagierung dieses Geschichtsbildes verwechselt wird. Das Bestehen auf diese These hat eben immer den Beigeschmack, es nicht wirklich ernst zu meinen mit der Aufarbeitung. Denn darüber, ob das Versprechen der Aufarbeitung eingelöst wird, wacht neben der deutschen Öffentlichkeit auch das Ausland. Und daran hängen jede Menge diplomatischer Fragen.

Die Ver-Führer-These kann eigentlich nur in Kombination mit der Totalitarismustheorie glaubhaft öffentlich vertreten werden. Diese kann nämlich psychologisch erklären, warum die Leute mitgemacht haben. Eine Massenpsychose kann diagnostiziert werden, ausgelöst durch die Gleichzeitigkeit von charismatischer Führung, Angst vor blankem Terror und dem Leiden unter dem Krieg. Andrerseits ist ein Volk, dass sich massenhaft in einen Wahn versetzen lässt, natürlich auch keines, auf dessen Grundlage man irgendeinen ausgezeichneten Identitätskern konstruieren könnte.

Dieser Mangel verlangt nach Opfermythen, denn die positive Identifikation mit Opfern fällt leichter als mit Tätern. Kann nur das Leiden der Deutschen unter Hitler genug betont werden, so kann damit plausibel gemacht werden, dass die Deutschen, wären sie nur genug informiert gewesen, Hitler nie gewählt und bei allem niemals mitgemacht hätten. Als diejenigen, die am Ende den doppelten Schaden hatten, nämlich Leid und nationalen Gesichtsverlust, und dass auch noch ohne dass jemand ihr Leid zur Kenntnis genommen hatte, sind sie die tragischen Held_innen der Geschichte. Sie haben mangels besseren Wissens eigentlich das Gute gewollt, aber das Böse entfesselt und mussten dafür bezahlen und bezahlen bis heute. Und weil sie bis heute bezahlen – Aufarbeitung, Mahnmal usw. – sind sie die guten tragischen Held_innen.

Was hier als logische Kette von Übergängen konstruiert ist, wird natürlich nicht von allen Deutschen so geglaubt, es ist vielmehr exemplarisch eine Möglichkeit, wie die verschiedenen Strategien in ihrer Widersprüchlichkeit in Einklang gebracht werden können. Es muss noch mal betont werden: Der erinnerungspolitische Diskurs ist ein offenes Feld, wo innerhalb einer durchweg nationalistischen Öffentlichkeit harte Kontroversen um die richtige Darstellung der Zusammenhänge geführt werden.

Sucht man ein Beispiel dafür, wie die drei genannten Thesen heute noch staatsoffiziell in Reinform vertreten werden, findet man schnell den Volkstrauertag und die Gedenkstelle Neue Wache.

Volkstrauertag und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge

Der Volkstrauertag wurde vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) in der Weimarer Republik mit eindeutig revanchistischer Stoßrichtung etabliert. Die Reden zu diesem Tage waren meistens mit der Forderung nach Rücknahme der Versailler Verträge und Ansprüchen auf das im Ersten Weltkrieg verlorene Elsass verbunden. 1926 hieß es zum Beispiel auf der zentralen Gedenkfeier des VDK:

„Unsere Toten mahnen. Und darauf kommt es an. Horche jeder auf den Geist der Toten und bekenne sich zu ihnen: Selber riefst du einst in Kugelgüssen: Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen!“

Im Nationalsozialismus wurde der Volkstrauertag dann zum „Heldengedenktag“ umbenannt. Was der VDK in seiner Selbstdarstellung verschweigt, ist dass damit zwar der progandistische Stil sich massiv änderte, nicht aber die Inhalte des Propagierten.

Nach 1945 war solcher Revanchismus öffentlich nicht mehr möglich, auch nicht für den VDK. Doch nach wie vor ist er mit der Ausrichtung des Volkstrauertags befasst. Die offiziellen Feiern umfassen heute eine militärische Zeremonie am Vorabend auf dem Friedhof Lilienthalstraße in Berlin-Kreuzberg, eine offizielle Gedenkstunde im Bundestag und eine feierliche Kranzniederlegung an der Neuen Wache.

Die Zeremonie am Friedhof Lilienthalstraße ist besonders interessant. Hier finden Kranzniederlegungen des Senats und Parlaments von Berlin, der Bundeswehr, des Bundesgrenzschutzes, der Berliner Polizei sowie zahlreicher Institutionen und Verbände statt. Seit 2000 nehmen neben den Vertretern der Botschaften der ehemaligen Alliierten auch zahlreiche Vertreter osteuropäischer Botschaften an der Feierstunde auf dem Friedhof teil. Die Kulisse dieser Zermonie mit Soldaten und Fackeln ist dem Anlass angemessen: Trauerhalle und Freitreppe, wurden 1938 erbaut und haben die entsprechende Ästhetik.

Die feierliche Kranzniederlegung in der Neuen Wache hat eine ähnliche Stoßrichtung. Die Neue Wache ist ein Erbe der Geschichtsauffassung der Ära Kohl. In ihr ist die Gleichsetzung aller Opfer sinnfällig. Die zentrale Gedenktafel trägt folgende Inschrift:

DIE NEUE WACHE IST DER ORT DER ERINNERUNG
UND DES GEDENKENS AN DIE OPFER
VON KRIEG UND GEWALTHERRSCHAFT.

WIR GEDENKEN
DER VÖLKER, DIE DURCH KRIEG GELITTEN HABEN.
WIR GEDENKEN IHRER BÜRGER, DIE VERFOLGT WURDEN
UND IHR LEBEN VERLOREN.
WIR GEDENKEN DER GEFALLENEN DER WELTKRIEGE.
WIR GEDENKEN DER UNSCHULDIGEN,
DIE DURCH KRIEG UND FOLGEN DES KRIEGES
IN DER HEIMAT, DIE IN GEFANGENSCHAFT UND
BEI DER VERTREIBUNG UMS LEBEN GEKOMMEN SIND.

WIR GEDENKEN DER MILLIONEN ERMORDETER JUDEN.
WIR GEDENKEN DER ERMORDETEN SINTI UND ROMA.
WIR GEDENKEN ALLER, DIE UMGEBRACHT WURDEN
WEGEN IHRER ABSTAMMUNG, IHRER HOMOSEXUALITÄT
ODER WEGEN KRANKHEIT UND SCHWÄCHE.
WIR GEDENKEN ALLER ERMORDETEN, DEREN RECHT AUF / LEBEN GELEUGNET WURDE.

WIR GEDENKEN DER MENSCHEN,
DIE STERBEN MUSSTEN UM IHRER RELIGIÖSEN ODER
POLITISCHEN ÜBERZEUGUNG WILLEN.
WIR GEDENKEN ALLER,
DIE OPFER DER GEWALTHERRSCHAFT WURDEN
UND UNSCHULDIG DEN TOD FANDEN.

WIR GEDENKEN DER FRAUEN UND MÄNNER,
DIE IM WIDERSTAND GEGEN DIE GEWALTHERRSCHAFT
IHR LEBEN OPFERTEN.
WIR EHREN ALLE, DIE EHER DEN TOD HINNAHMEN,
ALS IHR GEWISSEN ZU BEUGEN.

WIR GEDENKEN ALLER FRAUEN UND MÄNNER,
DIE VERFOLGT UND ERMORDET WURDEN, WEIL SIE SICH
TOTALITÄRER DIKTATUR NACH 1945
WIDERSETZT HABEN.

Gedacht wird also allen gleichzeitig und gleichwertig – zuerst aber den deutschen Opfern. Und die Opfer der „Gewaltherrschaft“ DDR werden ebenfalls in die Reihe der Opfer deutschen Unrechts eingereiht.
Diese Inschrift spiegelt auch genau das Geschichtsbewusstsein des VDKs wieder. In seinem Totengedenken, das jährlich verlesen wird, steht genau das gleiche, nur dass die Gleichsetzung noch drastischer ausfällt, während aber gleichzeitig die Lehren aus der Vergangenheit mit einbezogen werden:

„Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.
Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.
Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.
Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.

Wir trauern mit den Müttern und mit allen, die Leid tragen um die Toten. Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der Welt.“

Der VDK will bei seiner Arbeit nach eigener Darstellung zum Frieden mahnen, er fordert eine „Versöhnung über den Gräbern“. Diese vom Volksbund betreuten Gräber, so weiß der Verband stolz zu berichten, liegen in 45 Ländern. Wie die toten deutschen Soldaten da hingekommen sind, warum sie da sind, das berichtet er nicht. Einzig der Umstand, dass sie tot sind, reicht den fürsorglichen Kriegsgräberpfleger_innen, um ein abstraktes „Nie wieder!“ auszusprechen. Dass ihr Tod zwar für die Familien ein Verlust, für den Rest der Menschheit allerdings ein Glück war, dass also jeder tote Wehrmachtssoldat einen weiteren Schritt für die Beendigung des deutschen Wütens während des Zweiten Weltkrieges bedeutete, das will man beim VDK nicht sehen. Krieg und Shoah werden fein getrennt, der deutsche Soldat erscheint als gänzlich unpolitisch, als jemand, der nur seine Pflicht erfüllt, bzw. Befehlen folgen musste, zum Einsatz eben gezwungen wurde. Sie werden damit zu willenlosen Vollstreckern eines bösen Willens deklariert, dem zu widersetzen angeblich gar nicht möglich war. Ohnehin erscheint ihnen der Einsatz des eigenen Lebens für das Vaterland als das Natürlichste. Daran, dass die Nation Teil der eigenen Natur ist und sich ihr im Zweifelsfalle zu opfern ist, scheint kein Zweifel zu sein. Dem Staatswillen und sei er auch der Schlimmste, sich durch Desertation zu entziehen, gilt vielen noch immer als Verrat. Zudem widerspricht ein jeglicher solcher Akt der These der Unschuld der Übrigen. Ist die Möglichkeit zu desertieren erstmal geleugnet, erscheint die Tatsache, dass da massenhaft junge deutsche Männer zu Massenmördern wurden, nicht als deren eigene Tat, sondern als traurige Verstrickung, als Tragödie. Vernichtungskrieg in Osteuropa und die Shoah: eine Tragödie. So denkt sich der VDK die Geschichte und so wollen sie wahrscheinlich auch viele Deutsche sehen.

Nachdem man also Krieg und Shoah getrennt hat, die Möglichkeit von Widerstand fast vergessen und alle Zusammenhänge beiseite gelassen hat, kann man dann alles zusammen betrauern. Und weil man sich so mit der deutschen Geschichte versöhnt hat, sollen es die anderen gefälligst auch tun. Die Versöhnung über den Gräbern, die sich da herbeigewünscht wird, ist nach dieser Geschichtsauffassung eine Versöhnung von Opfern mit Opfern. Die Tatsache, dass der Volksbund in Polen einfällt, dort große Grabfelder für Wehrmachtssoldaten anlegt und dann noch von der polnischen Bevölkerung Versöhnung verlangt, kommt den wenigsten Deutschen merkwürdig vor.

Doch nicht alle wollen sich versöhnen. 2002 scheiterte die Errichtung eines deutschen Soldatenfriedhofs im tschechischen Cheb (vom VDK noch mit dem deutschen Namen Eger bezeichnet) am Widerstand aus der Bevölkerung, die sich noch daran erinnern konnte, warum die Deutschen Soldaten vor ihrer Haustür liegen. Doch nach einigen Bemühungen des Volksbundes auch in dieser Frage für Frieden zu sorgen, willigte der Bürgermeister von Cheb 2008 in die Errichtung der Grabstätte ein.
Ähnliche Proteste gab es in Prag 2002 oder in Italien 1998, als der deutsche Generalkonsul seinen Job an den Nagel hing, weil auf dem Soldatenfriedhof in Costermano bei Verona „unter Ihrer Leitung (gemeint ist der damalige Außenminister Fischer) an den Kranzniederlegungen für Haupttäter der NS-Euthanasie und des Holocausts“ festgehalten wird.

Ähnlich wird auch bei Windhoek in Namibia den deutschen Soldaten gedacht, die beim Völkermord an den Herero und Nama ums Leben kamen. Erfährt man auf der Seite des Volksbundes zwar nichts über den Tod der „Aufständigen“ (gemeint sind die Herero), so doch darüber, dass die meisten Soldaten eher an Krankheiten und ähnlichem, als an direkten Kriegsfolgen gestorben seien. So sieht es aus, wenn in Deutschland allen Opfern von „Gewalt und Krieg“ gedacht wird.

Überhaupt ist hier noch einiges zum Gerede von „ gegen Krieg und Gewaltherrschaft zu sagen“. Zum einen ist der Begriff „Gewaltherrschaft“ schon interessant genug: als ob eine Herrschaft ohne Gewalt denkbar wäre. Das aber wird mit Blick auf die gegenwärtige Herrschaft suggeriert, die ihr als Rechtsherrschaft oder Herrschaft des Rechtes gegenübergestellt wird, als ob dass das Gegenteil von Gewalt wäre. Der Rechtsstaat macht seine Gewaltanwendung bloß für seine Bürger_innen berechenbar, so dass die dahinter stehende Gewalt für diejenigen unsichtbar wird, die nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

„Frieden“ ist für den VDK auch und vor allem das Werk der Bundeswehr, die sie zu ihren engsten Partnern zählt. So gibt es aus dem VDK heraus die Forderung, die Gräber der gefallenen Soldaten der Bundeswehr, genau wie die Weltkriegsgräber, auf Dauer zu erhalten und staatlich zu finanzieren. Der VDK ist damit auf einer Linie mit einer sich remilitarisierenden Politik, die zu ihrer Legitimation ein Ehrenmal für die im Einsatz umgekommenen Soldaten der Bundeswehr aufstellt und das Eiserne Kreuz zur Ehrung ihrer tapferen Helden unter neuem Namen wieder einführt.

Fazit

Im Volkstrauertag begegnen sich also zwei Linien des aktuellen nationalistischen Diskurses: Einerseits wird eine Geschichtsbetrachtung propagiert, in der abgesehen von einer kleinen Täterclique um einen wahnsinnigen Österreicher nur Opfer vorkommen. Dies macht einen positiven Bezug auf die deutsche Nation natürlich recht einfach. Der Anforderung der Aufarbeitung wird mit dem Gedenken auch an die Opfer der Deutschen nur sehr abstrakt Rechnung getragen – die damit stattfindene Gleichsetzung der Kriegsopfer der Deutschen mit denen der Länder, die sie überfallen haben und ihrer Verbündeten ist schon verkürzt genug, wird aber durch die Gleichsetzungen mit den Opfern der Vernichtungspolitik noch überboten.

Mit der Forderung nach Versöhnung wird eine „ganz normale deutsche Nation“ beschworen, die demnach auch den Anspruch hat, „wie alle anderen auch“ ihre staatlichen Interessen in der Welt mit Nachdruck und ggf. Militär auch durchzusetzen. Gleichzeitig wird im Gedenken an die Soldaten auch ein positiver Bezug auf deutsches Soldatentum, auf Ehre, Pflichterfüllung und Vaterlandsliebe wach gehalten und damit eine ideologische Absicherung deutscher Kriegseinsätze betrieben.
Im Volkstrauertag überlebt noch eine deutsche Geschichtsbetrachtung, die sich teilweise gegen Aufarbeitung stemmt. In ihr vereinigt sich Totalitarismustheorie, Täter-Opfergleichsetzung und die Ver-Führer-These, die unumgänglich ist, will man die Deutschen zu gleichwertigen Opfern Hitlers erklären, anstatt alle anderen zu den Opfern der Deutschen.
Dass diese Zeremonien den Erfordernissen des deutschen Begriffs von Aufarbeitung nicht im Wege stehen, zeigt sich, dass es nicht für nötig befunden wird, sie zu ändern.

Für die ideologischen Erfordernisse, die mit dem Volkstrauertag erfüllt werden, eignet sich Stauffenberg genauso gut und ist dabei obendrein aufarbeitungskompatibel.

Stauffenberg und der 20. Juli im deutschen Erinnerungsdiskurs

Am 20. Juli 1944 hat eine Gruppe von v.a. militärischen Verschwörern um den damaligen Oberst Stauffenberg ein Attentat auf Hitler durchgeführt, das bekanntlich scheiterte. Mit historischen Details wollen wir uns hier nicht lange aufhalten.
Will man allerdings den Diskurs um Stauffenberg richtig einordnen, so muss man zwei Ebenen unterscheiden, auf denen Auseinandersetzungen geführt werden. Die eine ist die des Historischen und die andere die des Erinnerns und Gedenkens. Auf die Ebene des Erinnerns kommen wir noch zurück. Auf der Ebene des Historischen werden die Auseinandersetzungen um das Weltbild, die Motive der Verschwörer, um die gesellschaftlichen Strukturen des NS, die deutsche Vernichtungspolitik wie auch die Frage nach Handlungsmöglichkeiten geführt. Desweiteren wird den Fragen nachgegangen, ab wann bzw. ob überhaupt Stauffenberg sich vom Nationalsozialismus distanzierte, welche Ziele und Motive sein Handeln bestimmten etc.

Weil immer wieder die Rede davon ist, Stauffenberg habe sich vom Saulus zum Paulus gewandelt, nehmen wir dieses Bild als Metapher für drei mögliche Positionen: Zum einen kann man behaupten, Stauffenberg sei immer Paulus gewesen, er habe also dem Nationalsozialismus immer skeptisch gegenüber gestanden. Als Belege gelten dafür Tagebucheinträge über Hitler wie „Der Kerl macht Krieg!“. Abgesehen davon, dass „Kerl“ auch bewundernd gemeint sein kann, ist das natürlich eine ganz klare Oppositionshaltung, wenn man so weit geht, jemanden als „Kerl“ zu beschimpfen.

Am weitesten verbreitet ist die Saulus-Paulus-These, auf die ich daher später eingehen werde. Auch hörbar ist die von vor allem linken Historiker_innen vorgetragene Auffassung, wir hätten es hier immer mit einem Saulus zu tun. Da auch wir diese Auffassung für historisch zutreffend halten, ein paar Bemerkungen dazu. Stauffenberg bejubelte zunächst den NS und war Feuer und Flamme für die deutsche Revolution. Auch diejenigen aus dem Verschwörerkreis, die aufgrund ihrer konservativen Grundhaltung dem revolutionären Pathos tatsächlich von Anfang an skeptisch gegenüberstanden, teilten doch grundlegende Überzeugungen mit dem NS und begrüßten deren konsequente Umsetzung. Gemeint sind Forderungen nach der Revision von Versailles (einschließlich der Abschaffung der Weimarer Republik), der (Rück)Eroberung von ‚deutschem Lebensraum im Osten‘, die Wiederaufrüstung und ganz allgemein die Sicherung einer (imperial gestalteten) Weltmachtstellung Deutschlands. Dazu gehören weiterhin ein mehr oder minder radikaler Antikommunismus, Antislawismus und Antisemitismus. Darüber hinaus ist aber spätestens seit dem verlorenen ersten Weltkrieg eine grundsätzliche Affinität des Weltbildes der hohen Offiziere in der deutschen Armee zu nationalistisch-völkischem Gedankengut festzustellen.

Auch diejenigen Militärs, die später das Attentat auf Hitler planten und durchführten, haben die Installierung des NS-Regimes und die ‚nationale Revolution’ begrüßt. Sie unterstützten das Ende des Weimarer Parteienstaates und die Zerschlagung der linken Parteien.
Die Abspaltung vom Nationalsozialismus erfolgte im Kern aus zwei Gründen: Zweifel erhoben sich zum einen wegen der Praxis der nationalsozialistischen antijüdischen Politik und zum anderen wegen der Kriegsführung. Diese Zweifel wurden nach den ersten Wochen des Krieges gegen die Sowjetunion und besonders im Zusammenhang mit dem drohenden Scheitern des militärischen Überfalls relevant.

Das Attentat vom 20. Juli war daher nicht primär antifaschistisch oder antinationalsozialistisch motiviert. Es galt der Rettung Deutschlands und derjenigen politischen Ziele, die die Attentäter zuvor mit der NS-Bewegung verbunden hatten, sie aber zunehmend verraten fanden. Dazu gehörten zum einen die schlechte Kriegsführung und die drohende vollständige Kapitulation und der Verlust nationaler Souveränität. Zum andern herrschte aber auch Empörung über die Verbrechen an der Front und in den Lagern. Doch auch diese fanden sie insbesondere deshalb unverzeihlich, weil sie die deutsche Ehre zu beschmutzen drohten. Die Verschwörer brachen also das zuvor eingegangene Zweckbündnis mit dem Nationalsozialismus nicht, weil sie ihre früheren Ziele überdachten, sondern weil der NS diesen Zielen hinderlich war.

Will man den Diskurs um Stauffenberg richtig einordnen, lohnt es sich, einen Blick auf die Geschichte dieses Diskurses in der BRD zu werfen. Ein paar Stationen sollen hier angerissen werden.

50er
In den Gründungsjahren der BRD betrachtete die Mehrheit der Deutschen die Akteure des 20. Juli als „Verräter“. Verraten sahen sie sich als Deutsche. Dagegen hatten Teile der politischen und gesellschaftlichen Elite schnell begriffen, dass die Attentäter vom 20. Juli als geschichtliche Entlastungszeugen und antikommunistische Helden ideologisch brauchbar sind und arbeitete fieberhaft an der Rehabilitation der Attentäter und der Anerkennung des 20. Juli 1944 als „Aufstand des Gewissens“.
Der Bürgermeister West-Berlins Ernst Reuter erblickte am 19. Juli 1953 bei der Einweihung des Denkmals für die Opfer des 20. Juli 1944 im Bendlerblock dann auch in ihrer Tat „das erste sichtbare, weithin wirkende Fanal, das der Welt zeigte, dass in Deutschland der Wille zur Freiheit und der Wille zum eigenen Leben nicht untergegangen war“ und stellte sie in einen Kontext mit dem Aufstand vom 17. Juni in der DDR des selben Jahres.

Ein „Gründungsmythos“ der Bundesrepublik war geboren. Indem diese sich in die Tradition des 20. Juli 1944 stellte, entstand die Legende vom „anderen Deutschland“. Dieses Konstrukt des „anderen, besseren Deutschland“ verkörpert die ‚eigentliche deutsche Nation’, die neben dem Nationalsozialismus weiterhin bestanden und mit diesem nichts gemein gehabt haben soll. Die „Frauen und Männer des 20. Juli“ sollen dabei all jene ‚anständigen’ Deutschen repräsentieren, die dem Nationalsozialismus distanziert gegenüber standen. Dies wurde für die Mehrheit der Deutschen beansprucht. Insofern bot das ‚andere Deutschland’ den Deutschen die Gelegenheit, sich rückwirkend von der Beteiligung an nationalsozialistischen Verbrechen loszusagen.

Demnach gab es auch 1955 gleich zwei Stauffenbergspielfilme die mit pädagogischem Eifer das Publikum zu überzeugen suchten, Stauffenberg zu rehabilitieren und als Held zu betrachten. Dies fiel bemerkenswerter Weise in die Zeit der Wiederbewaffnung. Die personelle und ideelle Kontinuität zwischen Wehrmacht und Bundeswehr erschwerte jedoch die ideologische Vereinnahmung Stauffenbergs für die Bundeswehr, so dass sie 1965 per Erlass erzwungen werden musste, den 20. Juli in ihr Traditionsverständnis aufzunehmen. Heute gehört der militärische Widerstand zum festen Bestandteil der Bundeswehrtradition.

80er
In den Achtzigerjahren wurden zunehmend Forschungsergebnisse bekannt, die es schwer machten, Stauffenberg zum geistigen Vorläufer des Grundgesetzes zu erklären. Außerdem begann man, auch anderen Widerstandsgruppen zu gedenken. Dieses Gedenkkonzept wurde besonders in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand umgesetzt. Alle Widerstandsgruppen werden dabei unter dem einenden Label „Deutscher Widerstand“ zusammengefasst. Die deutlichen politischen Differenzen werden ausgeblendet. Und der 20. Juli behält seine herausragende Stellung, weil in ihm der einzige Versuch gesehen wird, der zumindest Aussicht auf Erfolg hatte.

90er
War nach der Wende noch nicht klar, in welche Richtung die gesamtdeutsche Erinnerungspolitik gehen wird, so sorgte Mitte der Neunziger die Wehrmachtsausstellung für eine deutliche Zäsur. Die Trennung gute Wehrmacht – böse SS ließ sich historisch nicht mehr rechtfertigen und der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe stellte nun offiziell fest, dass die „in ihrer Spitze, mit Truppenteilen und mit Soldaten in Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt“ war und „deshalb keine Tradition begründen“ könne. Einzig die Offiziere vom 20. Juli konnten noch eine militärische Traditionsbildung durch den NS hindurch ermöglichen.

Während die Regierung Kohl sich mit der erinnerungspolitischen Wende teilweise noch schwer tat, setzte die rot-grüne Regierung ab 1998 die neue deutsche Geschichtspolitik konsequent ins Werk. Die Gelegenheit dazu bekam sie bekanntlich 1999 bei der Legitimation des Krieges gegen Jugoslawien. Nicht trotz, sondern wegen Auschwitz sollten nun Bomben geworfen werden. Aus der deutschen Schuld wurde nicht mehr außenpolitische Zurückhaltung sondern „Verantwortung“ abgeleitet. Zur Legitimation sollte auch Stauffenberg herhalten.

Ausgerechnet 1999, also kurz nach dem Krieg gegen Jugoslawien, traten zum ersten Mal am 20. Juli Rekruten der Bundeswehr zu einem „Feierlichen Gelöbnis“ im Bendlerblock an. Dieses seitdem jährliche Ritual findet seit 2008 auf dem Gelände vor dem Reichstag statt, seit diesem Jahr nahezu ungestört. Im Jahr der Premiere verkündete der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping: „Die Bundeswehr steht in der Tradition der Ideale des deutschen Widerstands, wenn sie gemeinsam in der internationalen Zusammenarbeit mit unseren Freunden und Partnern dem Recht aller Menschen auf Würde und Freiheit zum Durchbruch verhilft.“

Diskurs heute
Schauen wir uns den Diskurs um Stauffenberg heute an, so fällt einiges auf. Besonders auffällig ist die Kritik, die an der Hollywoodverfilmung des Stoffes 2009 artikuliert wurde. Die beiden wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand schreiben im Tagesspiegel:

Über die Entwicklung Stauffenbergs vom Befürworter der nationalsozialistischen Politik zum Kritiker und schließlich zum unbedingten Gegner Hitlers erfahren wir nichts. […] Kein Wort darüber, wie Stauffenberg nach ihn herausfordernden Erfahrungen, nach der Kenntnis von nationalsozialistischen Gewaltverbrechen, eigene Positionen überwunden und verändert hat und was ihn dazu befähigte, sich von den Zwängen, Traditionen und Sogströmungen seiner Zeit zu entfernen und konsequent gegen die Diktatur zu wenden.

Und die Neuen Zürcher Zeitung echot:

Damit lässt der Film aber auch den ganzen ambivalenten Werdegang eines schillernden Mannes ausser acht, der kein Freund der Weimarer Republik und dem Nationalsozialismus anfangs nicht abgeneigt war, der zu Beginn des Kriegs noch voller Begeisterung in Polen einmarschierte und im Nachkriegsdeutschland mit reichlich Verspätung zum nationalen Mythos wurde, da er nicht nur unter Altnazis bis in die sechziger Jahre als Verräter galt. […] Zumindest hier, in Stauffenbergs spannungsreichem Bewusstwerden einer Mitverantwortung, die ihn schliesslich zur Tat schreiten liess, hätte Singer ansetzen müssen. Sein Film aber erspart sich die Widersprüchlichkeiten grosszügig. Es bleibt ein Geheimnis, weshalb der 20. Juli 1944 zu einem Gründungsmythos der neuen Bundesrepublik wurde.

Merkwürdig ist, dass hier eingefordert wird, die Verstrickung Stauffenbergs in den NS nicht zu verschweigen. Nur so, das ist der Tenor, kann Stauffenberg wirklich als Held gefeiert werden. Die Stauffenbergverfilmung des ZDF von 2004 war dieser Forderung auch nachgekommen.

Erzählt werden soll und erzählt wird auch eine Geschichte einer widersprüchlichen Entwicklung, einer Läuterung. Diese gilt nicht als Manko, sondern geradezu als Qualitätskriterium. Gewürdigt wird die spannungsreiche Entwicklung vom Saulus zum Paulus. Wie schwer ist es, als Teil des Systems sich daraus zu lösen und zu besseren Einsichten zu gelangen? Was ist dagegen schon jüdischer, kommunistischer oder sozialdemokratischer Widerstand? Gleichzeitig spiegelt sich in der Läuterungsgeschichte der moderne Aufarbeitungsnationalismus: Stauffenberg, der seine Verstrickung und Mitschuld erkannte, zog seine Lehre aus seiner Vergangenheit und handelte danach. Wir können uns daher als seine wirklichen Erb_innen begreifen.

Die Erzählung der Läuterungsgeschichte ist Geschichtsbetrachtung auf der Höhe der Zeit. Gleichzeitig ist sie aber auch eine entlastende Erzählung: In der Betonung des Heldenmuts und der menschlichen Größe, der es bedurfte, sich aus den „Sogströmungen seiner Zeit“ zu lösen, ist unterstellt, dass es eben bei den meisten Deutschen einfach an dieser Größe mangelte, was ja menschlich verständlich ist. So werden gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Stauffenberg erscheint als Held und Vorbild und die anderen sind freigesprochen.

Neben dem Qualitätskriterium der Läuterung steht das Qualitätskriterium der Selbstlosigkeit: schließlich ging es den „Frauen und Männern des 20. Juli“ nicht um so etwas Profanes wie ihr nacktes Leben. Vielmehr handelten sie für Höheres: für die Rettung Deutschlands oder zumindest seines Ansehens. Dies ist es, was Henning von Tresckow 1944 aussprach und seitdem so oft zitiert wird:

Das Attentat muß erfolgen, koste es, was es wolle. Sollte es nicht gelingen, so muß trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.

Dass der praktische Zweck – hier das Verhindern von mehreren Millionen Toten allein im letzten Kriegsjahr – vor der Geschichte gleichgültig ist, gleichgültig neben dem Zeichen an die Welt, dem guten Ruf Deutschlands, sollte eigentlich noch die Letzten stutzig machen, tut es aber offensichtlich nicht.

Diese selbstlose Sorge um das nationale Wohl soll dann auch Vorbild für alle Staatsbürger_innen sein. Beim Berliner Bürgermeister Harald Wolff [Die LINKE] klingt das so:

Mit ihrem „Aufstand des Gewissens“ zeigt sich ein neues, ein anderes Deutschland, in dem der Einzelne zur moralischen Instanz wird, die obrigkeitsstaatliches Denken überwindet. So heterogen die Herkunft und die Motive der Verschwörer waren: Sie einte, wie Friedrich Olbricht bekannte, die „unendliche Sorge um unser Vaterland“ und die Bereitschaft, dafür zu sterben.

Das ist auch der Appell, der immer durchscheint, wenn an Stauffenberg gedacht wird: Sich ein Vorbild nehmen an der Opferbereitschaft für das Vaterland. Und gerade jetzt, wo Deutschland auch offiziell Kriege führt und Soldaten wieder für ihr Land sterben müssen ist eine Einschwörung auf diese Bereitschaft wieder wichtig. Ein Ehrenmal und eine Tapferkeitsmedallie reichen nicht.
Zusammenfassend kann man sagen: Der ‚Aufstand des Gewissens’ war ein Aufstand des nationalistischen Gewissens. Dies ist auch der Kern des Gedenkens an die „Frauen und Männer des 20. Juli“.

Eine weitere Merkwürdigkeit besteht in den Strategien zur Immunisierung gegen Kritik. Zwar wird die politische Gesinnung Stauffenbergs nicht geleugnet, es wird aber auf seine „Zeitverhaftetheit“ hingewiesen. Als ob damals liberale, demokratische und kommunistische Ideen noch nicht in der Welt gewesen wären. Der Zug funktioniert folgendermaßen: Zunächst sollen wir anerkennen, dass der Adel der Weimarer Republik politisch-ideologisch etwas zurückgeblieben war und dann sollen wir anerkennen, dass Stauffenberg trotzdem das richtige getan hat.

Daran anschließend ist die zweite Immunisierungsstrategie der Heroismus: Ein Urteil über Stauffenberg sei nur dann gerechtfertigt, wenn man sich sicher sei, selbst sein Leben für die rechte Sache aufs Spiel zu setzen. So unsinnig es ist, die Wahrheit von Sätzen nach den Charaktereigenschaften der Menschen zu bemessen, die sie sprechen, so hoch ist doch die suggestive Kraft dieses Vorwurfs. Bei Verteidigungsminister Guttenberg klingt das so:

Immer wieder wird im Zuge des 20. Juli „mangelndes Demokratiebewusstsein unter den Verschwörern“ beklagt. Was für ein komfortables, ja manchmal hochmütiges Urteil – sei es aus dem angeblich gefestigten Wissen unserer Zeit oder aus Gründen individueller Geschichtsbewältigung. Die Frage, ob sich letztere Haltung aus dem Streben nach Minimierung der Gefahr persönlichen Scheiterns erklärt, mag an dieser Stelle unbeantwortet bleiben. Die Divergenz zu den Mitgliedern des NS-Widerstandes wäre allerdings bezeichnend.

Überhaupt liegt in der Betonung der charakterlichen Stärke ein reaktionäres Moment. Dieses wird immer aufgerufen, sobald Kritik an Stauffenberg laut wird. So schreibt z.B. Karl Heinz Bohrer in der Süddeutschen Zeitung in einer Antwort auf den kritischen Beitrag Richard Evans, Stauffenberg und die Seinen repräsentierten „eine Höhe des sittlichen, charakterlichen und kulturellen Formats, von dem heutige Politiker und andere Mitglieder der Funktionselite nur träumen können.“ Ebenso stellt er fest: „Man möchte Vergleichbares von den politisch korrekten, relativ konformistischen Nachkommen der Nazis in einer postheroischen Gesellschaft gar nicht fordern.“

Ohnehin dient Stauffenberg als Kronzeuge dafür, dass reaktionärer Konservatismus nicht im NS aufgegangen sei. Daher versucht auch die Junge Freiheit über das Ticket Stauffenberg ihr Image aufzupolieren, weil sie sich nicht ganz zu unrecht als seine wahren politischen Erben inszenieren können.

Mit der Betonung der Zeitverhaftetheit und der Einengung auf das persönliche Schicksal, die inneren Widerstände, die dramatische Entwicklung Stauffenbergs und schließlich auf den Heroismus der Tat lässt sich dann auch die Bedeutung des Attentats komplett von den Motiven dazu trennen. Ist es erstmal so ausgehöhlt, kann es beliebig gefüllt werden, je nach politischen Erfordernissen. So lernt man bei der Durchsicht der Reden zum 20. Juli viel mehr über das politische Ansinnen der Redner_innen als über die historischen Figuren. Diese werden zu bloßen Stichwortgebern. Daher ist viel zu hören von der Wiederherstellung der „Majestät des Rechts“, dem Einsatz für „Recht und der Menschlichkeit“, einem „starken Zeichen für Frieden, Freiheit und Demokratie“, der Verteidigung der „Menschenwürde“, der radikalen Ablehnung von „Totalitarismus und Unrecht“ und einem „Zeichen auf dem Weg zu einer wahren europäischen Wertegemeinschaft“. Das Handeln und der Mut der „Frauen und Männer des 20. Juli 1944“ sollen für all dies stehen und ein bleibendes Leitbild für deutsche Staatsbürger_innen abgeben.

Vor allem geht es also bei Stauffenberg um nationalistische Appelle. Kritikmaximierung Hamburg bringen es daher auf den Punkt, wenn sie feststellen:

Der deutsche Nationalmythos Stauffenberg ist deshalb von links falsch kritisiert, wenn man dem »German Gedenken« lediglich vorwirft, dass ein bürgerlich-demokratischer Staat sein Vorbild in konservativ-reaktionären Wehrmachtsangehörigen sucht, die quasi die richtige Tat aus der falschen Motivation verübten. Weil Stauffenberg, wie auch Merkel, Köhler und die FAZ allein Deutschlands Bestes im Blick haben, wenn sie sich gegen den NS positionieren, sind die Attentäter des 20. Juli genau die treffenden Figuren deutscher Vergangenheitspolitik.

An dem Diskurs um den 20. Juli lässt sich gut sehen, wie Aufarbeitung und Strategien der Entlastung Hand in Hand gehen. Einerseits spiegelt die dramatische und filmreife Geschichte Stauffenbergs die Idee der Aufarbeitung. Mögen in der Vergangenheit auch unfassbare Verbrechen begangen worden sein, etwas Gutes haben sie dann doch: Man kann aus Ihnen lernen. Und Stauffenberg hat gelernt, genau wie die Deutschen gelernt haben.
Auf der anderen Seite dient Stauffenberg auch der Entlastung. Die Betonung seines Heldenmuts hat immer auch den Subtext, dass es eben nicht allen Menschen vergönnt ist, derartige charakterliche Stärke zu haben.

Die Aufnahme der Schuld gibt es eben nur im Sinne abstrakter kollektiver Verantwortlichkeit, andrerseits wird eben doch herausgestellt, dass die Verbrechen des NS auch deshalb skandalös sind – und für gute Deutsche ist das der eigentliche Skandal –, weil sie fälschlicherweise im Namen der Deutschen verübt wurden. Damit ist bereits unterstellt, dass sie auch bloß in ihrem Namen, nicht aber tatsächlich von den Deutschen als Gesamtheit verübt worden sind. Gerade deshalb braucht es Taten, die tatsächlich als im Namen der Deutschen begangen gewertet werden können. So wird das Attentat vom 20. Juli zu der Tat für Deutschlands Freiheit erklärt, im Namen der Nation und als Ausdruck des angeblichen anderen Deutschlands.
Die Konstruktion des anderen Deutschlands ermöglicht, einen unbelasteten deutschen Identitätskern zu behaupten. Dieser ist interessanterweise auch nicht mehr gänzlich unbelastet, sondern die zeitweilige Verirrung gehört dazu. Ganz wie die Ausstellung zur Entwicklung der deutschen parlamentarischen Demokratie im Deutschen Dom „Wege, Irrwege, Umwege“ heißt. Sich mal zu verirren kann als Teil einer positiven Identität offenbar behauptet werden. Aber auch wenn sie viele verirrten, das andere, das gute Deutschland soll nie tot zu kriegen gewesen sein. Dazu können wir nur sagen: So viele Deutschlands es auch geben mag und wie anders sie auch sein mögen, sie sind alle abzuschaffen.

Fazit
Eine einfache Kritik, die Vergangenheit würde verdrängt, verharmlost, seiner Zusammenhänge beraubt oder umgelogen, greift zwar in manchen Fällen noch heute – z.B. beim VDK – trifft aber das staatsoffizielle Gedenken kaum. Vielmehr muss man den Aufarbeitungsnationalismus ernst nehmen und dessen Heuchelei aufdecken. Das Gedenken findet erst statt, wo die Täter_innen zu konfrontieren aus nobler Rücksicht auf ihr Alter und ihr Herz unterlassen werden kann und nicht nur aus Feigheit. Das Gedenken an die Opfer kann ritualisiert werden. Die Verantwortung, die aus der Erinnerung abgeleitet wird, kann mit allen möglichen politischen Appellen gefüllt werden. Die Ritualisierung entlastet aber auch von einer ernsthaften Auseinandersetzung.
Das Gedenkritual sieht im Fühlen der bloßen Betroffenheit schon das ganze Ziel und übt es auch gewissenhaft ein. Kritikmaximierung Hamburg (um sie noch mal zu zitieren) bemerken daher treffend:

Die Beschäftigung mit der Shoa gerät vielmehr zum Füllfederhalter, der den Schlussstrich unter die barbarische deutsche Geschichte zieht. Was paradox klingt, hat gerade in seiner Paradoxie vollbracht, was Jahrzehnte unmöglich war: indem die Deutschen den NS thematisierten, konnten sie seine Makel erfolgreich vom Kollektiv ablösen und austilgen.

An den Beispielen ist hoffentlich auch die Funktion nationalen Gedenkens klar geworden. Einerseits geht es immer um aktuelle Appelle, die sich unter Nutzung des Entsetzens angesichts der deutschen Verbrechen besonders gut moralisch platzieren lassen. Zweitens geht es aber auch darum, das Bild der eigenen Nation – und das gilt eben für jede einzelne Person, die nationalistischen Ideen zustimmt: also fast alle – so zu halten, dass die eigene Identität nicht zu leiden hat. Da hier aber die Instrumentalisierung der Vergangenheit so offensichtlich wird, ist das nationale Selbstbewusstsein hier gleichzeitig am schwächsten, wie bei Kritik am angrifflustigsten. Eine Kritik, die sich an den darin enthaltenen Widersprüchen schult und fähig ist, sie denen, die sich darin bewegen, vorzurechnen, ist schon einen Schritt weiter.