Stauffenberg – Nationaler Widerstand

Vortrag der Gruppe …nevergoinghome

Einleitung

Deutsche Helden und Heldinnen gibt es scheinbar viele und es werden ständig mehr. Einer dieser Helden ist der Oberst Stauffenberg, ein tapferer Krieger im zweiten Weltkrieg und Hitlers Attentäter. Doch ist der Oberst nicht allein. Neben ihm stehen die Klassiker Goethe und Schiller, neuerdings John Rabe und die „Du bist Deutschland“ – Kampagne aus dem Jahr 2006 hat unter anderem Michael Schuhmacher, Ferdinand Porsche und Albert Einstein zu deutschen Vorbildern ausgerufen.
Was allen Diesen gemeinsam sein soll, liegt offen zu tage – sie hätten sich auf verschiedenste Weise um Deutschland verdient gemacht, ihre Leistungen wären Momente der deutschen Nation / Tradition / Kultur. Zu fragen wäre nun, was es denn heißt, sich um Deutschland verdient gemacht zu haben bzw. Teil der deutschen Nation zu sein? – was es denn heißt, Menschen zu Vorbildern, zu Helden zu erklären? – was es denn heißt, vergangene Leistungen zu würdigen? – und welche Verbindungen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart bestehen würden?
Diese Verbindungslinien werden unter anderem in verschiedenen Gedenk- und Erinnerungsdiskursen hergestellt. Die jeweiligen Gründe für das Gedenken und Erinnern von Menschen, Taten und Ereignissen können dabei vielfältiger Natur sein, ebenso wie die Anlässe, die Orte, die Abläufe und die Zeitpunkte des Gedenkens. Erinnern und Gedenken, in ihrer offiziösen Form als Politik, sind nicht aus der Zeit gefallen, sondern sind Teil gesellschaftlicher Prozesse und Auseinandersetzungen, eingebettet in bestimmte Diskurse.
Das Gedenken an Stauffenberg und die „Frauen und Männer des 20. Juli 1944“ mit dem wir uns heute beschäftigen wollen, ist Teil verschiedener Auseinandersetzungen um Nationalismus, Patriotismus, Militarismus, deutschen Opfermythos und ‚deutschen Widerstand’.
Wir wollen nun darauf aufmerksam machen, wer dieser Stauffenberg eigentlich war, warum er gehandelt hat; wie Stauffenberg in der BRD seit 1945 wahrgenommen und politisch interpretiert wurde, welche Rolle der Tom Cruise – Film ‚Valkyrie‘ und die sich um ihn entsponnene Debatte dabei spielen konnten. Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die vielen aufgeregten Debatten, die in der deutschen Öffentlichkeit, in den Feuilletons auch des kleinsten Provinzblättchens und in der deutschen Politik in den vergangenen 1,5 Jahren ausgetragen wurden.
Es wird sich zeigen, dass es die wundersame Verquickung von Nationalismus und Gegnerschaft zu Hitler ist, die die Figur des Oberst Stauffenberg und seiner MitstreiterInnen zu ganz besonderen deutschen Helden werden lässt und sie somit so interessant für das deutsche Feuilleton und die deutsche Politik macht.

Zitate zum Film „Valkyrie“:

„Bryan Singer ist dabei, einen Film zu drehen, der, wenn nicht alle Zeichen trügen, Deutschland mehr verändern wird als irgendein anderer denkbarer Film der letzten Jahrzehnte. Diese Veränderung wird eine Veränderung des Blicks sein, den das Ausland auf uns wirft und der uns verändern wird, ob wir wollen oder nicht.“
(Frank Schirrmacher, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.09.2007)

„„Hitlercide, frei übersetzt „Hitlermord“, ist eine der neuesten amerikanischen Vokabeln. Es gibt kaum einen besseren Beleg dafür, dass der 20. Juli 1944 in der Populärkultur angekommen ist. Nach den Weihnachtsferien, so berichtet eine amerikanische Zeitung, wollten die Schüler über Geschichte reden. Sie hatten zwischen den Jahren „Operation Walküre“ gesehen und fragten nach mehr.“
(Frank Schirrmacher, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.01.2009)

„The film’s subject matter alone promised that ‚Valkyrie’ would receive plenty of attention, given the danger of its being used to create the countermyth of a widespread German resistance.”
(Mark Harris, New York Times, 14.12.2008)

„Über die Entwicklung Stauffenbergs vom Befürworter der nationalsozialistischen Politik zum Kritiker und schließlich zum unbedingten Gegner Hitlers erfahren wir nichts. Eine offensichtlich später hinzugefügte Anfangsszene bündelt Stauffenbergs Motive in einer fiktiven Tagebuchnotiz – mehr nicht. Kein Wort darüber, wie Stauffenberg nach ihn herausfordernden Erfahrungen, nach der Kenntnis von nationalsozialistischen Gewaltverbrechen, eigene Positionen überwunden und verändert hat und was ihn dazu befähigte, sich von den Zwängen, Traditionen und Sogströmungen seiner Zeit zu entfernen und konsequent gegen die Diktatur zu wenden.“
(Peter Steinbach / Johannes Tuchel, Der Tagesspiegel, 20.01.09)

Historischer Hintergrund

Am 20. Juli 1944 hat eine Gruppe von v.a. militärischen Verschwörern um den damaligen Oberst Stauffenberg ein Attentat auf Hitler durchgeführt, das bekanntlich scheiterte. Die Beteiligten waren u.a. in der Abwehrabteilung des Heeres (eine Art militärischer Geheimdienst), im Offizierskorps an der Front oder im ‚Oberkommando des Heeres‘ (OKH) beschäftigt. Die hohen Offiziere der Verschwörung – einige sind auf der Folie aufgelistet – haben – mit Ausnahme von General Beck – nie ihren Dienst quittiert, haben nicht krank gefeiert und wären nie auf die Idee gekommen, ins Ausland zu flüchten. Sie haben bis zu ihrer Verhaftung und Ermordung ihre militärischen Aufgaben erfüllt, wohl wissend, dass der Zweite Weltkrieg von Beginn an als Eroberungs- und Vernichtungskrieg konzipiert war.

Das Weltbild der Verschwörer

Zwischen den Wehrmachtseliten und der NS-Bewegung bestand ein breiter Konsens, was konkrete politische Ziele betrifft. Gemeint sind Forderungen nach der Revision von Versailles (einschließlich der Abschaffung der Weimarer Republik), der (Rück)Eroberung von ‚deutschem Lebensraum im Osten‘, die Wiederaufrüstung und ganz allgemein die Sicherung einer (imperial gestalteten) Weltmachtstellung Deutschlands. Dazu gehören weiterhin ein mehr oder minder radikaler Antikommunismus, Antislawismus und Antisemitismus. Darüber hinaus ist aber spätestens seit dem verlorenen ersten Weltkrieg eine grundsätzliche Affinität des Weltbildes der hohen Offiziere in der deutschen Armee zu nationalistisch-völkischem Gedankengut festzustellen.
Auch diejenigen Militärs, die später das Attentat auf Hitler planten und durchführten, haben die Installierung des NS-Regimes und die ‚nationale Revolution begrüßt. Sie unterstützten das Ende des Weimarer Parteienstaates und die Zerschlagung der linken Parteien.
Die Abspaltung vom Nationalsozialismus erfolgte im Kern aus zwei Gründen: Zweifel erhoben sich zum einen wegen der Praxis der nationalsozialistischen antijüdischen Politik und zum anderen wegen der Kriegsführung. Diese Zweifel wurden nach den ersten Wochen des Krieges gegen die Sowjetunion und besonders im Zusammenhang mit dem drohenden Scheitern des militärischen Überfalls relevant.
Das Attentat vom 20. Juli war daher nicht primär antifaschistisch oder antinationalsozialistisch motiviert. Es galt der Rettung Deutschlands und derjenigen politischen Ziele, die die Attentäter zuvor mit der NS-Bewegung verbunden hatten, durch verschiedene Ereignisse während des Krieges aber verraten fanden. Sie sahen aber keineswegs die Notwendigkeit, diese Ziele aufzugeben.

Motive für das Attentat


In der deutschen Geschichtsschreibung hielt sich hartnäckig der Mythos, dass die Attentäter vom 20. Juli sich von Beginn an der Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus verweigert hätten, ja sogar versucht, Jüdinnen und Juden vor der Ermordung zu retten. Das Gegenteil aber ist der Fall.
Die Wehrmacht übernahm während des Vormarsches und in ihren Besatzungsgebieten in der Sowjetunion folgende Aufgaben: die Erfassung der jüdischen Bevölkerung, die Auswahl der Opfer unter den Kriegsgefangenen der Roten Armee, die logistische Unterstützung der Einsatzgruppen und die sogenannte Banden- und Partisanenbekämpfung, die sich in erster Linie gegen die (flüchtende) Zivilbevölkerung in der Sowjetunion richtete. Jene Einsatzgruppen übernahmen möglichst frontnah die Übernahme der von der Wehrmacht erfassten Opfer und deren Erschießung. Allein während der ersten Monate (bis April 1942) dieses ‚Feldzuges‘ wurden ca. 500 000 Jüdinnen und Juden ermordet.
Wichtige Namen des militärischen Widerstandskreises fallen immer wieder in diesen Zusammenhängen: Carl-Heinrich von Stülpnagel, Kommandeur der 17. Armee; Erich Hoepner, Kommandeur der Panzergruppe 4 (Heeresgruppe Mitte); Henning von Tresckow und Rudolf-Christoph von Gersdorff, beide Offiziere im Stab der Heeresgruppe Mitte und Fabian von Schlabrendorff, Tresckows Ordonnanzoffizier. Besonders die ersten Beiden fielen durch ihren Antisemitismus und ihre aktive Unterstützung des Vernichtungskrieges im Osten auf und hingen offensichtlich dem nationalsozialistischen Feindbild des jüdischen Bolschewismus an. Die drei Letzteren waren stets über deren Mordtaten informiert und besonders Tresckow hat auf die Wichtigkeit der sogenannten ‚Partisanenbekämpfung‘ hingewiesen. Die Erschießung von Zivilisten auf den vagen und durch Feindbilder geprägten Verdacht der Gefährlichkeit hin erschien diesen Widerständlern also keineswegs abwegig.
Auch diejenigen Offiziere, die im Oberkommando des Heeres die umfassendere Planung des Krieges besorgten – oder die sich, wie General Beck, selbst davon zurückgezogen haben – wollten eine Rücknahme der Emanzipation der Jüdinnen und Juden. Diese wurden als „Fremdbürger in Deutschland“ betrachtet und sollten bestenfalls Staatsbürger zweiter Klasse bleiben, besser noch auswandern. Auch die „Frage der Rassenvermischung muß stets dem gesunden Sinn des Volkes überlassen werden“, wie es in einem gemeinsamen Papier von Beck und Goerdeler heißt. Gern gesehen waren Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden also nicht.
Es gibt zwei Möglichkeiten, warum diesen Antisemiten die Vernichtungspolitik des Regimes ‚zu weit‘ gehen konnte. Zum einen konnte es den Auffassungen von soldatischer Ehre widersprechen, Frauen und Kinder massenweise zu erschießen. Zum anderen gehörten Sorgen um die Zukunft Deutschlands zu den Motiven der Ablehnung der Vernichtungspolitik. Sie wurde als ‚Hypothek‘ für das Ansehen Deutschlands begriffen, weniger als Problem für die Opfer.
So schrieb Carl Goerdeler in bezeichnender Weise: „Unsere Stellung ist überdies dadurch ungeheuer erschwert, daß in den besetzten Gebieten und den Juden gegenüber Methoden der Menschenbeseitigung und der Glaubensverfolgung angewendet worden sind, die niemand vor der Öffentlichkeit gutheißen kann, die öffentlich niemand verantworten wird und die dauernd als schwere Belastung auf unserer Geschichte ruhen werden.“ Auch 1944, nach dem misslungenen Attentat, reproduzierte er noch antisemitische Stereotypen: „Wir dürfen nicht bemänteln wollen, was geschehen ist, müssen aber auch die große Schuld der Juden betonen, die in unser öffentliches Leben eingebrochen waren in Formen, die jeder gebotenen Zurückhaltung entbehrten.“
Ob die Motive der ‚soldatischen Ehre‘ und damit einer Moral, oder aber nationalistisch-außenpolitische entscheidend für die Umorientierung der Offiziere zum Attentat waren, wird kaum endgültig zu klären sein. Es kann aber vermutet werden, dass sich moralische Bedenken, die Sorge um das Ansehen und den Fortbestand Deutschlands und damit um die Verwirklichung der ursprünglichen politischen Ziele (der Militärs) bis zur Ununterscheidbarkeit miteinander vermischten.
Nationalistische und außenpolitische Momente dürften auch beim zweiten Hauptmotiv der Verschwörer die entscheidende Rolle gespielt haben: der Kriegspolitik des NS-Regimes. Es ging den Akteuren dabei nicht um pazifistische Überlegungen, um die Vermeidung von Krieg überhaupt oder gar seiner Opfer. Vielmehr ging es um die Rettung Deutschlands und des Deutschen Reiches vor der drohenden Kriegsniederlage und der Zerstörung angesichts der alliierten Kriegsführung, die auf bedingungslose Kapitulation zielte.
In diesem Zusammenhang ist auch die starke Konzentration der Attentäter auf die Person Hitlers erklärbar, der für die falsche Kriegsführung in diesem totalen Krieg verantwortlich gemacht wird. Hitler habe, so Beck und andere, die Möglichkeiten Deutschlands und seiner Gegner falsch eingeschätzt. Im totalen Krieg sind nicht nur Armeen, sondern die gesamte Bevölkerung, ihre Versorgungslage und Wirtschaftsleistung involviert, und all diese Faktoren habe Hitler in zunehmendem Maße ignoriert.
Wichtiger noch sind wiederum die politischen Ziele, die hinter dem Attentat liegen, besonders bei Stauffenberg. Er ging bis zuletzt von einem Verhandlungsfrieden mit den Westalliierten aus, um den Krieg gegen die Sowjetunion fortzuführen. Dafür stellt er auch Verhandlungsbedingungen auf, u.a.: „Aufgabe der Invasionspläne“, dauernde „Verteidigungsfähigkeit im Osten“ und die „Selbstabrechnung mit Verbrechern am Volk“. Es sollten auch die Reichsgrenzen von 1914 im Osten und das ‚Sudetengebiet erhalten’ werden, d.h. einige Kriegsziele des Nationalsozialismus teilte Stauffenberg bis zum Schluss.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Sowohl die moralische Entrüstung gegenüber den Verbrechen des Nationalsozialismus, wie auch die militärischen Erwägungen waren immer eng verknüpft mit nationalistischen Überzeugungen bzw. waren diesen untergeordnet. Die Militärs änderten keineswegs, wie oft behauptet ihre politische Position, sie kündigten bloß ihr einstweiliges Bündnis mit dem NS auf, nachdem ihnen klar wurde, dass dieser zur Verwirklichung ihrer Ziele hinderlich geworden war.

Der Diskurs um den 20. Juli von 1945 bis heute

Der 20. Juli 1944 war von Anbeginn Gegenstand zahlreicher geschichtspolitischer Ausdeutungen. Das Gedenken an die „Frauen und Männer des 20. Juli“ und die Bewertung des Attentates haben dabei in den vergangen Jahrzehnten einen bemerkenswerten Wandel erfahren. Dies verrät bereits ein Blick auf demoskopische Erhebungen. So fassten Noelle und Neumann 1954 ihre Umfrageergebnisse folgendermaßen zusammen: „Beinahe die Hälfte aller Leute, die über den 20. Juli mitreden können, sagten über die Verschwörer nur Nachteiliges, vor allem daß es sich um Verräter handele, um Hochverräter, Landesverräter, Staatsverräter. Weiter wird ihnen Feigheit vorgeworfen, gelegentlich auch Egoismus.“ Noch 1964 sahen lediglich 29 Prozent der westdeutschen Bevölkerung die Widerstandsbewegung positiv.
Heute jedoch, seit den 90iger Jahren, sehen in den Umfragen „regelmäßig mehr als vier Fünftel der Deutschen in Stauffenberg einen Helden“. Im Juli 2004 achten oder bewundern rund drei Viertel der Deutschen die Attentäter. Johannes Tuchel, der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Bendlerblock, schlussfolgert treffend, der 20. Juli 1944 sei „im kollektiven Gedächtnis der Deutschen angekommen.“ Der Spiegel konstatierte gar mit Verweis auf das Filmprojekt ‚Valkyrie’: „der Hollywood-Ruhm, der Stauffenberg nun sicher scheint, ist der erstaunliche Höhepunkt einer posthumen Karriere, die alles andere als selbstverständlich schien.“ So wird also das „Vermächtnis der Offiziere“, das „Erbe des 20. Juli“ beschworen, Stauffenberg als „wirklicher Held der Deutschen“, als „Romantiker im Widerstand“ bejubelt. Kritische Stimmen warnen vor „Mythenbildung“, erliegen aber dennoch der Faszination des Menschen Stauffenberg.
Wie kommt es nun, dass die einst als „Landesverräter“ beschimpften heute nicht mehr aus dem deutschen Nationalepos wegzudenken sind? Was steckt hinter dieser sonderbaren Karriere, hinter dem genuin deutschen Gedenken an Stauffenberg und die Attentäter des 20. Juli? Mit diesem Gedenken stimmt offensichtlich etwas nicht.

Nachkriegszeit

In den Gründungsjahren der BRD betrachtete die Mehrheit der Deutschen die Akteure des 20. Juli als „Verräter“. Verraten sahen sie sich als nationalsozialistische Deutsche, deren Nazi-Deutschland am 08. Mai 1945 bedingungslos kapitulieren musste. Dagegen hatten Teile der politischen und gesellschaftlichen Elite schnell begriffen, dass die Attentäter vom 20. Juli als geschichtliche Entlastungszeugen und antikommunistische Helden ideologisch brauchbar sind und arbeitete fieberhaft an der Rehabilitation der Attentäter und der Anerkennung des 20. Juli 1944 als „Aufstand des Gewissens“.
Der Bürgermeister West-Berlins Ernst Reuter erblickte am 19. Juli 1953 bei der Einweihung des Denkmals für die Opfer des 20. Juli 1944 im Bendlerblock dann auch in ihrer Tat „das erste sichtbare, weithin wirkende Fanal, das der Welt zeigte, dass in Deutschland der Wille zur Freiheit und der Wille zum eigenen Leben nicht untergegangen war“ und stellte sie in einen Kontext mit dem Aufstand vom 17. Juni in der DDR des selben Jahres.

Ein „Gründungsmythos“ der Bundesrepublik war geboren. Indem diese sich in die Tradition des 20. Juli 1944 stellte, entstand die Legende vom „anderen Deutschland“. Dieses Konstrukt des „anderen, besseren Deutschland“ verkörpert die ‚eigentliche deutsche Nation’, die neben dem Nationalsozialismus weiterhin bestanden und mit diesem nichts gemein gehabt haben soll. Die „Frauen und Männer des 20. Juli“ sollen dabei all jene ‚anständigen’ Deutschen repräsentieren, die dem Nationalsozialismus distanziert gegenüber standen. Dies wurde für die Mehrheit der Deutschen beansprucht. Insofern bot das ‚andere Deutschland’ den Deutschen die Gelegenheit, sich rückwirkend von der Beteiligung an nationalsozialistischen Verbrechen loszusagen. Wichtige Elemente dieser Konstruktion, die die Traditionsbildung erst ermöglichen, sind das antitotalitäre Bekenntnis der AkteurInnen, das sich vor allem als Antikommunismus äußerte, sowie deren ungebrochen positives Verhältnis zur deutschen (Kultur-)Nation. Vor dem Hintergrund der Blockbildung des Kalten Krieges konnte die BRD nun auf ein antikommunistisches Erbe jenseits des Nationalsozialismus verweisen und das Augenmerk auf den Kommunismus als Hauptfeind im Osten gelenkt werden.

Diese Traditionsbildung sollte dann auch eine wichtige Rolle beim Aufbau der Bundeswehr spielen, wie er in den fünfziger Jahren im Zuge der Wiederbewaffnung begann. Zunächst erschwerte jedoch die personelle und ideelle Kontinuität zwischen Wehrmacht und Bundeswehr die Herstellung dieses Traditionsverständnisses. So zählte für viele Bundeswehrangehörige und soldatische Traditionsverbände der 20. Juli 1944 bis weit in die 90iger Jahre hinein zu den unverdauten Daten, stand dieses Datum für sie doch nach wie vor für Verrat. Mit dem Erlass „Bundeswehr und Tradition“ wurde bereits 1965 versucht, dieser Problematik Rechnung zu tragen, indem das Andenken an den militärischen Widerstand und die Vorbildfunktion der Akteure des 20. Juli 1944 festgeschrieben wurde. Allerdings erst 1995 verfügte der damalige Bundesverteidigungsminister Volker Rühe, „dass die Wehrmacht […] keine Tradition begründen“ könne.

Achtziger Jahre

Spätestens in den Achtzigern war es aufgrund neuer Forschungsergebnisse möglich, ein differenzierteres Bild des 20. Juli 1944 zu zeichnen. Dies erschwerte daher die Versuche, die AkteurInnen des 20. Juli in den Rang von geistigen Vorläufern des Grundgesetzes und der westdeutschen Demokratie zu erheben, wie dies seit den fünfziger Jahren bis heute probiert wird.
Weiterhin wurde begonnen, auch die Leistung anderer Gruppen des Widerstandes (z.B. den kommunistischen und sozialdemokratischen Widerstand) wenn nicht zu würdigen, so doch wenigstens anzuerkennen. Exemplarisch dafür steht die neue vom Historiker Peter Steinbach erarbeitete Ausstellungskonzeption der Gedenkstätte deutscher Widerstand in Berlin, wie sie 1983 beauftragt und 1989 eingeweiht wurde. In der Selbstdarstellung der Gedenkstätte wird nun der Anspruch einer „umfassenden Dokumentation und Darstellung der ganzen Breite und Vielfalt des deutschen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus“ formuliert.
Die verschiedenen Gruppen des Widerstandes werden also unter das scheinbar einende Label ‚Deutscher Widerstand’ zusammengefasst. Damit diese Zusammenfassung gelingen kann, muss davon abgesehen werden, dass es fundamentale Konflikte zwischen den Widerstandsgruppen gab, sowohl was die konkreten politischen Ziele als auch was die Aktionsformen betraf. Hierbei wird nun zum Beispiel nicht berücksichtigt, dass der aus der ArbeiterInnenbewegung kommende Widerstand sich in politischer Motivation und Vorstellung von dem Widerstand der Militärs grundlegend unterschied.
Trotz der Ausweitung des Gedenkens, nach der nun allen Widerstandsgruppen unabhängig ihrer politischen Zielrichtung gedacht werden solle, bleibt aber die Sonderstellung des 20. Juli 1944 unangetastet. Die herausragende Bedeutung der Widerstandsgruppe um Stauffenberg für Deutschland liegt eben in ihrem expliziten Bekenntnis zur deutschen Nation, was von anderen Widerstandsgruppen weniger eindeutig behauptet werden kann, ebenso wie in dem Attentat als solchem.

Zwei Sätze zur DDR

Mit legitimatorischer Absicht hieß es zunächst in der DDR, der 20. Juli 1944 sei einfach eine Auseinandersetzung zwischen konkurrierenden Cliquen der herrschenden Klasse gewesen. Diese Auffassung wandelte sich in den 80iger Jahren zur Feststellung, dass es sich bei dem Hitler-Attentat um „eine patriotische, antifaschistische Aktion“ handelte.

Berliner Republik

Mit der geographischen Vergrößerung Deutschlands, mit der Überwindung der Nachkriegsordnung, wurde die deutsche Vergangenheit nochmals einer deutlichen Revision unterzogen. Die neue deutsche Version der Geschichtsbetrachtung kennt nicht die Befreiung der Welt vom deutschen Nationalsozialismus, sondern die Befreiung Deutschlands und Europas von Hitler. Deutschland, das „andere Deutschland“, wird zum gleichberechtigten Mitglied der Anti-Hitler-Koalition. „Der gute Deutsche“ Stauffenberg, Repräsentant des „anderen Deutschland“, als Gegenpart zu Hitler – ein perfekter Showdown der all die Aufregung um die Millionen Opfer des deutschen Wütens in den Hintergrund rücken lässt.
Infolge der neuen weltpolitischen Lage zu Beginn der 90iger Jahre wollte die nun mit voller nationaler Souveränität ausgestattete Großmacht Deutschland zunehmend ihre Sicht auf die Vergangenheit international durchsetzen. Die Geschichte wird schließlich von den Siegern geschrieben und Deutschland gehörte plötzlich zu ihnen. Nachdem mit dem Realsozialismus auch der kommunistische Widerstand erledigt wurde, stand nun selbst die Leistung der Westalliierten zur Diskussion. Ähnliches spricht Helmut Kohl in seiner Rede am 20. Juli 1994 aus. Er betonte den „antitotalitären Konsens“ der Bundesrepublik Deutschland: Deutschland hatte ja nun zwei Diktaturen erfolgreich überwunden. Er verlor kein einziges Wort über die Befreiung durch alliierten Armeen, sondern feierte lediglich den nach dem Kriterium der Nationalismus-Tauglichkeit zurechtgestutzen deutschen Widerstand ab.

Doch was dem rot-grünen Regierungsprojekt seit 1998, Hand in Hand gehend mit einem sich zunehmend ausbreitenden Opferdiskurs der Deutschen, gelang, stellt das Vorhergehende in den Schatten. Mit dem Ende der Ära Kohl verordnete mensch sich für Deutschland und seine Bundeswehr eine Image-Korrektur. Mit der allzu sorglosen Verherrlichung der Wehrmacht sollte Schluss gemacht werden, von der historischen Schuld wurde die historische Verantwortung abgeleitet. Deutschland, als „Erfinder und Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung“ wollte endlich die nach der Vereinigung gewonnenen außenpolitischen Handlungsspielräume nutzen. Der 20. Juli 1944 sollte seinen Beitrag zur Legitimation deutschen Großmachtstrebens leisten.
Seit 1999 traten nun jedes Jahr am 20. Juli Rekruten der Bundeswehr zu einem „Feierlichen Gelöbnis“ im Bendlerblock an, seit 2008 auf dem Gelände vor dem Reichstag. Im Jahr der Premiere verkündete der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping durch die Blume, dass Gedenken an die Opfer der Vergangenheit eben nun immer heißen wird, im Konzert der Großen auch militärisch mitzuspielen. Dies bemerkenswerterweise kurz nachdem Deutschland gerade mit dem Hinweis, ein zweites Auschwitz verhindern zu wollen, gemeinsam mit den NATO-Verbündeten einen Angriffskrieg gegen Jugoslawien geführt hatte. „Die Bundeswehr steht in der Tradition der Ideale des deutschen Widerstands, wenn sie gemeinsam in der internationalen Zusammenarbeit mit unseren Freunden und Partnern dem Recht aller Menschen auf Würde und Freiheit zum Durchbruch verhilft.“
Dass Deutschland keine Kriege führt, sondern nur „humanitäre Katastrophen“ abwendet, belegt eindrucksvoll Gerhard Schröders Rede fünf Jahre später: „Eine Armee, die sich der Freiheit und dem Frieden verpflichtet weiß – und einer internationalen Ordnung, wie es im Entwurf der Regierungserklärung von Beck und Goerdeler heißt, in der allen Menschen der „Weg zu den Gütern dieser Welt“ offen steht. In dieser großen Tradition stehen die Angehörigen der Bundeswehr, die heute auf dem Balkan oder in Afghanistan den Frieden sichern und beim Wiederaufbau helfen.“ Schröders Teilnahme bei den D-Day Feierlichkeiten in der Normandie am 6. Juni 2004 als erster deutscher Bundeskanzler machte endgültig vor aller Welt amtlich, dass Deutschland Ansprüche auf eine gleichberechtigte Partnerschaft in den „Anti-Hitler-Koalitionen“ dieser Welt erhebt. In seiner Begleitung: Philipp Freiherr von Boeselager, der damals letzte Überlebende der Akteure des 20. Juli 1944. Es war also an der Zeit, dass Deutschland der Welt beweisen konnte, einen ebenbürtigen Beitrag, in Gestalt des „deutschen Widerstandes“, für die Befreiung Europas von Hitler erbracht zu haben. Gerhard Schröder überschrieb dann auch konsequenterweise seine Rede zum 20. Juli mit „Das europäische Vermächtnis des Widerstands.“ Wenn sich mit der Zeit alle in Europa zu Opfern Hitlers entwickeln, so kann auch jedem das Etikett „Widerstandsgruppe“ angeheftet werden. Auf dieser Basis ist nun auch die Versöhnung näher gerückt, die man sich in Deutschland seit 1945 so oft herbeiwünscht.
Mit den Worten des Verteidigungsministers Franz Josef Jung klingt es folgendermaßen „Darum ist der militärische Widerstand eine der wichtigsten Traditionslinien für die Bundeswehr. Der Widerstand gegen Hitler hat die moralische und geistige Basis für ein neues Deutschland und damit für die Versöhnung in Europa gelegt.“ Deutschland ist nun auch eine ganze „normale Nation“. Der 20. Juli 1944 und sein Gedenken haben ihren Zweck erfüllt. Das Ergebnis noch einmal in den Worten Jungs: „Deutschland und Europa haben aus der Geschichte die Lehre gezogen, dass ein aktives Eintreten für Freiheit, Recht und Menschenwürde nicht nur in der Heimat, sondern auch darüber hinaus gefordert ist. Als verantwortliches Mitglied der Staatengemeinschaft können wir uns dieser Verantwortung nicht entziehen.“

Diskurs um Stauffenberg heute

Schaut man sich einmal die ganzen Debatten der letzten Jahre genauer an, dann lassen sich zwei Ebenen der Auseinandersetzung identifizieren – die des Historischen und die des Erinnerns und Gedenkens. Auf der Ebene des Historischen werden die Auseinandersetzungen um das Weltbild, die Motive der Verschwörer, um die gesellschaftlichen Strukturen des NS, die deutsche Vernichtungspolitik wie auch die Frage nach Handlungsmöglichkeiten geführt. In diesen Debatten um die historische Wahrheit finden sich in verschiedenen Abstufungen geschichtsrevisionistische Deutungen wieder. So wird zum Beispiel diskutiert, ob Stauffenberg Antisemit war. (Z.B. fuhr Guido Knopp in seiner angeblich „wahren Geschichte“ des Stauffenberg den Stauffenberg-Biografen Peter Hoffmann auf, der die rassistischen und antisemitischen Bemerkungen Stauffenbergs über Polen – die Bevölkerung dort sei „ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden, sehr viel Mischvolk, ein Volk das sich nur unter der Knute wohlfühlt“ – unwidersprochen in eine Landschaftsbeschreibung und eine bloße Beschreibung der Lebensverhältnisse umlügen durfte und sich dann erdreistet, jede politische Interpretation des Zitates als aufgeregten Unsinn abzutun.). Desweiteren wird den Fragen nachgegangen, ab wann bzw. ob überhaupt Stauffenberg sich vom Nationalsozialismus distanzierte , welche Ziele und Motive sein Handeln bestimmten etc.

Auf der Ebene des Erinnerns und Gedenkens geht es im Wesentlichen um die Schlüsse, welche aus der Vergangenheit, je nachdem wie historisch rekonstruiert, gezogen werden können, welche Bedeutung also das Stauffenberg-Attentat für die heutige Zeit hat.
Auffallend ist nun, dass egal was man vorne rein steckt (sprich in die historische Ebene) doch allzu häufig „Stauffenberg = deutscher Held“ hinten rauskommt. Zwar gibt es auch kritische Debattenbeiträge (siehe Evans, Süddeutsche Magazin; Wildt, taz), die diese Gleichung negieren, was jedoch nicht heißt, dass sie zugleich eine Kritik an Nationen, Nationalismus und der Funktion von nationalen Helden liefern. So kommt es zum Beispiel vor, dass Georg Elser als der bessere, weil demokratischere, Held präsentiert wird. (Unbenommen – Georg Elser ist uns auch tausendmal sympathischer als Oberst Stauffenberg.)
Historische Ebene – Die „Frauen und Männer des 20. Juli“ waren (wie oben gezeigt) Anhänger Hitlers und des Nationalsozialismus – zumindest doch in den Anfangsjahren des Dritten Reiches. Ihre gesellschaftspolitischen Vorstellungen entsprachen nicht dem heutigen Grundgesetz oder den Prinzipien einer parlamentarischen Demokratie. Und trotzdem werden sie heute zu Vorbildern, Helden, Leitbildern und sogar Vorkämpfern eines demokratischen Rechtsstaates idealisiert.

Die Einsicht, dass Stauffenberg „keine glatte, keine einfache Figur“, dass die Attentäter „ambivalente Figuren“ waren, hat sich, wenn nicht überall, so doch in vielen Kreisen durchgesetzt. In diesem Zusammenhang wird mensch nicht müde zu betonen, Stauffenberg „hätte aus den Horizonten seiner Zeit“ gehandelt und es sei „unsagbar bequem und selbstgefällig, von der heutigen Zeit aus die Zögerlichkeit vieler deutscher Widerständler zu verurteilen.“ Es komme darauf an, die „dramatische Entwicklung“, die Wandlung vom „Saulus zum Paulus“ zu würdigen. Und so wird es womöglich auch noch zu einem „Qualitätskriterium“, Anhänger des NS und eventuell so gar an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen zu sein. Was zählt hingegen jüdischer, kommunistischer oder sozialdemokratischer Widerstand?
Neben dem Qualitätskriterium der Läuterung steht das Qualitätskriterium der Selbstlosigkeit: schließlich ging es Stauffenberg und seinen Freunden nicht um so etwas Profanes wie ihr nacktes Leben. Vielmehr handelten sie für Höheres: für die Rettung Deutschlands oder zumindest seines Ansehens. Dies ist es, was Henning von Tresckow 1944 aussprach und seitdem so oft zitiert wird: „Das Attentat muß erfolgen, koste es, was es wolle. Sollte es nicht gelingen, so muß trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.“ Dass der praktische Zweck – hier das Verhindern von mehreren Millionen Toten allein im letzten Kriegsjahr – vor der Geschichte gleichgültig ist, gleichgültig neben dem Zeichen an die Welt, dem guten Ruf Deutschlands, sollte eigentlich noch die Letzten stutzig machen, tut es aber offensichtlich nicht.
Bestaunenswerter finden viele DiskursteilnehmerInnen eher, dass die Attentäter es schafften, ihren Eid zu brechen und „gegen die Führung des eigenen Landes kämpfen“. Daneben erscheint der Widerstand in den von Deutschland besetzten und angegriffenen Ländern mal eben als der moralisch Niederwertige.

Durch das Gedenken an das Attentat wird ein Klima geschaffen, in dem eine längst überwunden geglaubte Bereitschaft zum bedingungslosen Opfer fürs Vaterland wieder zu mehr Ehre gelangt. Stauffenbergs „heldenhaftes Tun“, die „Unbedingtheit seines Handelns“, seine Bereitschaft „Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu suchen“, heben dementsprechend seinen Willen hervor, ein Zeichen der Selbstlosigkeit zu setzen.

Der ‚Aufstand des Gewissens’ war ein Aufstand des nationalistischen Gewissens. Dies ist auch der Kern des Gedenkens an die „Frauen und Männer des 20. Juli“. Dass dabei die Tür weit für patriotische, nationalistische und noch weiter rechts stehende Positionen aufgeschlagen wird, ist nicht schwer zu erkennen. So könnten selbst Stauffenbergs eigentliche Positionen wieder salonfähig werden, es zu einer Radikalisierung von Militarismus und Nationalismus kommen. Durch diese offene Tür tritt u.a. Karl Heinz Bohrer in der Süddeutschen Zeitung am 30. Januar, wenn er meint, Stauffenberg und seine Freunde repräsentierten „eine Höhe des sittlichen, charakterlichen und kulturellen Formats, von dem heutige Politiker und andere Mitglieder der Funktionselite nur träumen können.“ Ebenso stellt er fest: „Es waren Leute mit enormer Zivilcourage, das heißt mit der Fähigkeit und Bereitschaft zur absoluten Isolation. Das ist eine sehr aktuelle Tugend. Man möchte Vergleichbares von den politisch korrekten, relativ konformistischen Nachkommen der Nazis in einer postheroischen Gesellschaft gar nicht fordern.“ Nicht zu schweigen von der Jungen Freiheit, die seit Jahren versucht, über die Figur Stauffenberg ihre reaktionär-faschistischen Ideen schmackhaft zu machen.

Aber auch die modernisierte Variante der deutschen Erinnerungskultur möchte an das Attentat anschließen und bemüht die Hilfskonstruktion der „Zeitverhaftetheit“, um Stauffenberg vor Einwänden aufgrund seines Weltbildes zu immunisieren und um ihn damit zu einem geistigen Ahnen des Grundgesetzes, zumindest jedoch zu einem deutschen Helden, zu erklären.
In den Texten und Reden zum 20. Juli ist demgemäß von der Wiederherstellung der „Majestät des Rechts“, dem Einsatz für „Recht und der Menschlichkeit“, einem „starken Zeichen für Frieden, Freiheit und Demokratie“, der Verteidigung der „Menschenwürde“, der radikalen Ablehnung von „Totalitarismus und Unrecht“, einem „Zeichen auf dem Weg zu einer wahren europäischen Wertegemeinschaft“ zu hören. Das Handeln und der Mut der „Frauen und Männer des 20. Juli 1944“ sollen für all dies stehen und ein bleibendes Leitbild für deutsche Staatsbürger_innen abgeben.

Zum Film:


Bedeutung von Film für Erinnerungskultur

Welche Rolle Stauffenberg für die deutsche Geschichte und damit auch für die Wahrnehmung Deutschlands spielen wird, hängt auch davon ab, wie er in massentauglichen Filmen dargestellt wird. Schon in den 50er dienten die Filme über das Hitler Attentat vom 20 Juli dazu, Stauffenberg vom Vaterlandsverräter zum Patrioten zu machen und die Wehrmacht von den bösen Nazis zu trennen. Doch schauen wir, was sich heutzutage FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher stellvertretend für Deutschland von dem Film Valkyrie erhofft:

„Es hat mich und andere immer bedrückt, dass es beinahe unmöglich war, das Ausland darauf aufmerksam zu machen, dass es auch innerhalb Deutschlands Menschen gab, die ihr Leben riskierten, um sich den Nazis zu widersetzen. Es bedurfte eines Querdenkers, um dieses Vorurteil zu durchbrechen. Es bedurfte – mit einem Wort – eines Weltstars, um sich damit im Ausland Gehör zu verschaffen. Durch seine Entscheidung, Graf Stauffenberg sein Gesicht zu leihen, wird Tom Cruise, das Bild, dass sich die Welt von uns macht, mit Sicherheit verändern. Das Ansehen des Landes zu retten, wenigstens das, gerade auch im Ausland, war wie wir wissen, eine der wichtigsten Beweggründe Stauffenbergs bei seiner Tat. Durch Tom Cruises Entscheidung, diese Rolle zu spielen, wird Stauffenbergs Anliegen, wenn auch auf mittelbare Weise, doch noch verwirklicht. Eine breite Öffentlichkeit wird anhand seiner Geschichte verstehen, dass man sich dem Unmenschlichen widersetzen kann und dass Heldenmut und eine menschliche Haltung noch wichtiger sind, als der Erfolg.“ Aus der Laudatio Schirrmachers für Tom Cruise bei der Verleihung des „Bambis für Courage“

Der Film „Valkyrie“ und seine Rezeption in Deutschland

1,3 Millionen Deutsche sahen „Operation Walküre – Das Stauffenbergattentat“ im Kino. Damit war der Film zwar kein Flopp, aber auch kein Kassenschlager. Zum Vergleich: den „Untergang“ sahen fast vier Mal so viele Menschen in Deutschland: 4,6 Mio. Auch die Presse bemerkte schnell, dass Schirrmachers vorauseilender Jubel der ganzen Sache unangemessen ist. Trotzdem lieferten sich nach der Premiere die Feuilletonisten Stilblütenschlachten erster Güte und die Stauffenbergpapste der Nation durften öffentlich ihren Senf zum Film ablassen.
Der Film jedoch musste das erwartungsfrohe deutsche Publikum enttäuschen: Tuchel und Steinbach kritisierten, dass die „Entwicklung“ der Attentäter gar nicht zur Geltung käme – zu glatt, zu oberflächlich, eben nicht die schicksalhafte Tiefe eines Superhelden, wie es erwartet wurde. Stattdessen steife Militärs und Bürokraten, ein bisschen Familie. Auch Auschwitz kommt nur in ein paar Nebensätzen vor: Hitler (bei dem man sich fragt, ob der Schauspieler jetzt Hitler oder doch eher Bruno Ganz spielt) als Chiffre des Bösen und unendlich viele Hakenkreuze reichen, um zu begründen, dass diejenigen, die da den Putsch planen die „Guten“ sind. Ausgesprochen wird als Motiv (abgesehen von der nachträglich hinzugefügten Eingangssequenz) nur das, was auch wir für das Wichtigste für die Attentäter halten: Die Rettung der Nation. „Sie können entweder dem Führer dienen oder dem Vaterland. Beides zugleich geht nicht“, sagt Stauffenberg, wie wir im Trailer gesehen haben, zu Beginn des Films und damit ist auch schon klar, warum der hundekraulende misslaunige Vegetarier aus dem Weg geräumt gehört. Alles andere ist Thriller. Stauffenberg erscheint hier als treibende Kraft, als Macher, die anderen Offiziere als Zögerer. „You do exactly as I say“, „Act now!“ – das sind Stauffenbergs Sätze, die Sätze eines Manns der Tat, jung, entschlossen, intelligent, exakt, präzise, mutig. Insofern erscheint Stauffe hier als role model für moderne Männlichkeit: Einer der alles wagt fürs Vaterland, einer der nicht nur redet, sondern macht, dabei aber – trotz oder wegen Naziuniform – immer die akkurate Form wahrt.

Die Einschwörung aufs Opfer fürs Vaterland funktioniert bestens in diesem Film. Der Nationalist Stauffenberg ist ein Held, wenn auch nicht der tragische Superheld, als den die Deutschen ihn gern gesehen hätten. Damit ist auch das, wofür er steht, als unproblematisch festgehalten. Auch die teilweise Entlastung der Deutschen könnte funktionieren: Wenn die Gleichung Wehrmachtsuniform = böse popkulturell durchgestrichen wird, dann ist auch die Gleichung Deutsch = Nazi in Frage gestellt. Das wird Schirrmacher freuen.
Für den deutschen Diskurs ist der Film aber nur bedingt zu brauchen und so verschwand er nach weniger Wochen so klanglos aus den Kinos, wie er geräuschvoll angelaufen war. Zu deutlich ist das alleinige Interesse Stauffes an der Nation, zu wenig „dramatische innere Geschichte“, zu wenig rechtstaatliche Tugend.

Fazit

Die deutsche Nationalgeschichte ist eine Geschichte des deutschen Volkes im Kampf für seine eigene Freiheit. Einer der herausragenden Freiheitskämpfer ist der Oberst Stauffenberg. Befreit von den Dämonen der Vergangenheit, schritt er zur Tat und begehrte auf, gegen die, die den deutschen Namen auf „das Schändlichste besudelten“. Mit Stauffenberg wird Erinnern leicht gemacht. Mögen in der Vergangenheit auch unfassbare Verbrechen begangen worden sein, etwas Gutes haben sie dann doch: Man kann aus Ihnen lernen. Und so ist es mittlerweile sehr einfach, Auschwitz zu einem deutschen Alleinstellungsmerkmal zu machen. Größtmögliche Verbrechen heißt dann auch größtmögliche Bewältigung der Vergangenheit.
Wer die Lehre aus der Vergangenheit damit zum nationalen Ehrentitel erhebt und damit zu Lehren für einen besseren Nationalismus werden lässt, der befleißigt sich einer zynischen Instrumentalisierung der Opfer.
Der Aufarbeitungsdiskurs steht und funktioniert aber nicht alleine. Aufarbeitung und Entlastung sind in ihrer Widersprüchlichkeit Hand in Hand gehende geschichtspolitische Strategien. Denn einerseits wird die Schuld auf sich genommen, allerdings nur im Sinne abstrakter kollektiver Verantwortlichkeit, andrerseits wird eben doch herausgestellt, dass die Verbrechen des NS auch deshalb skandalös sind – und für gute Deutsche ist das der eigentliche Skandal –, weil sie fälschlicherweise im Namen der Deutschen verübt wurden. Damit ist bereits unterstellt, dass sie auch bloß in ihrem Namen, nicht aber tatsächlich von den Deutschen als Gesamtheit verübt worden sind. Gerade deshalb braucht es Taten, die tatsächlich als im Namen der Deutschen begangen gewertet werden können. So wird das Attentat vom 20. Juli zu der Tat für Deutschlands Freiheit erklärt, im Namen der Nation und als Ausdruck des angeblichen anderen Deutschlands.

Gegen Stauffenberg und seine Vergötterung anzureden, bedeutet also eine Kritik deutscher Vergangenheitspolitik. Das ist zwar nichts Neues, aber dennoch aktuell. Sollen deutsche Interessen wieder unverblümt zur Aussprache und mit Macht durchgesetzt werden, braucht Deutschland einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der UN und wird von ‚deutschem Boden‘ aus wieder Krieg geführt, so muss die Wunde Auschwitz zumindest überdeckt werden. Denn alle Vorbehalte gegen einen ungebrochenen deutschen Nationalismus und Patriotismus im In- und Ausland hatten nach 1945 mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen zu tun. Die Vermutung liegt nahe, dass mit der Zeichnung eines anderen, eines widerständigen Deutschlands ein – wenn auch vielleicht bescheidener – Beitrag zur Rehabilitierung Deutschlands in der Weltöffentlichkeit geleistet wird / wurde. Diesem seit langer Zeit und bisher auch recht erfolgreich nachgegangenem Ziel, trägt die Stauffenberg-Debatte ihren Teil bei.
Eine der Möglichkeiten, Deutschland ein positivierbares Geschichtsbild zu verpassen, ist die Traditionsbildung des 20. Juli 1944. Die Deutschen sind nun die Opfer und Gegner Hitlers gleichermaßen, d.h. hinter deutschem Engagement lassen sich keine bösen Absichten mehr vermuten.

Wie funktioniert diese Erfindung einer moralisch einwandfreien, politischen Tradition Deutschlands? Zwei Strategien in der Bezugnahme auf die Attentäter lassen sich in der Geschichtsschreibung, in den Gedenkreden der Politiker_innen und im Feuilleton finden:
1. Geht es um abstrakten Nationalismus, um die Rettung Deutschlands vor totaler Willkürherrschaft, Ansehensverlusten im Ausland oder dem Verlust der internationalen Handlungsfähigkeit, kann bruchlos an die tatsächliche Haltung der 20. Juli – Leute angeknüpft werden.
2. Vor dem Hintergrund von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit muss eben jene Haltung ausgehöhlt und gegenwartstauglich gefüllt werden: Dann geht es nur noch um die Bewahrung von Pflichtbewusstsein und Menschlichkeit. ‚Humanität‘ und Moralität werden dabei sowohl den Attentätern vom 20. Juli als auch deutscher Außenpolitik unterstellt.

Was aber beide Strategien vereint, ist die Einschwörung auf die Bereitschaft, für das Vaterland Opfer zu erbringen.
Um es zum Abschluss noch einmal klar zu stellen: ein Attentat auf Hitler ist zu begrüßen. Was aber nicht zu begrüßen ist, ist der Versuch, über dieses Attentat eine Entlastung der deutschen Geschichte zu inszenieren und einen nationalen Mythos von einem angeblich anderen und besseren Deutschland zu schaffen. Wie hoffentlich deutlich wurde, hat es dieses nämlich nicht gegeben. Ohnehin: Wie viele Deutschlands es auch geben mag, und wie anders sie auch sein mögen, sie sind alle abzuschaffen.

„Landesverrat ist eine Tradition, auf die wir uns positiv beziehen. Vom 20. Juli 1944 wird diese Tradition nicht verkörpert.“
(Aus der Erklärung des „Antinationalen Plenums Hamburg“ zur Besetzung des Bendlerblocks im Juli 1994)