Seit 1999 treten Rekrutinnen und Rekruten der Bundeswehr ausgerechnet am 20. Juli an, um öffentlich die Treue zu Grundgesetz und Vaterland feierlich zu geloben. Dass sie am 20. Juli antreten ist ein wichtiger und untrennbarer Teil dieser Inszenierung. Sie machen es um eine Traditionsbildung zu bekräftigen, die wunderbar funktioniert: die Tradition des militärischen Widerstands um Stauffenberg und seinen Mitverschwörerinnen und Mitverschwörern.

Was aber macht Stauffenberg so vorbildlich für die Bundeswehr? Warum an diesem Tag diese militaristische Inszenierung?
Seit der Wehrmachtsausstellung in den 90er Jahren ist es schwierig geworden, eine positive Tradition für die Bundeswehr zu begründen. Die Beteiligung der Wehrmacht an den Verbrechen des Nationalsozialismus war zu deutlich. Trotzdem braucht die Bundeswehr eine Tradition zur ideologischen Festigung ihrer Rekrutinnen und Rekruten. Und da bietet sich niemand besser an als Stauffenberg.

Es nutzt nichts immer wieder darauf hinzuweisen, dass Stauffenberg alles andere war als ein Demokrat. Es nutzt nichts, zu sagen, dass er den NS anfangs bejubelte. Es nutzt noch nicht mal was darauf hinzuweisen, dass die Verschwörer Antisemiten waren, und dass auch Militärs aus ihrem Kreis an Kriegsverbrechen befehlend beteiligt gewesen waren. All das ist bekannt und Teil offizieller Geschichtsschreibung.

Das Gedenken an Stauffenberg und dessen militärischer Gebrauch haben sich diese Feststellungen längst zu eigen gemacht. Man geht ganz offen mit ihnen um. Als vor ein paar Jahren Tom Cruise den 20. Juli zum Hollywoodstoff verarbeitete, hatte man in Deutschland an diesem Film vor allem auszusetzen, dass nicht gezeigt wurde, dass Stauffenberg zuerst Anhänger des Nationalsozialismus war.
In der deutschen Erinnerungspolitik macht das durchaus Sinn und hat unmittelbaren ideologischen Nutzen für die Legitimation militärischer Einsätze. Die Logik besteht darin, dass wir uns mit Stauffenberg gerade wegen seiner NS-Verstrickung identifizieren sollen. Schließlich war ja auch das deutsche Volk in den NS verstrickt und hat nun angeblich daraus gelernt. Stauffenberg, der seine Verstrickung und Mitschuld erkannte, zog seine Lehre aus seiner Vergangenheit und handelte danach.

Kein Wunder also, dass die erste öffentliche Vereidigung am 20. Juli im Jahr 1999 stattfand, eine weitere Erfindung der rot-grünen Bundesregierung. Kurz zuvor hatte sie ihren Krieg gegen Serbien als Lehre aus Auschwitz verkauft. Zur ideologischen Bekräftigung führte sie dann das Gelöbnis in Gedenken an Stauffenberg ein.

Damit sollte zweierlei gezeigt werden. Zum einen: Wir haben aus der Vergangenheit gelernt, wie Stauffenberg gelernt hat. Zum anderen: Wir sind eine Armee, die mit dem preußischen Kadavergehorsam gebrochen hat, wie Stauffenberg seinen Eid auf den Führer brach – und zwar für Höheres: für Deutschland.

Diese ideologische Funktion des Gedenkens kommt selten präziser auf den Punkt als bei einer Rede von Harald Wolff von 2009, damals Bürgermeister der Stadt Berlin, aus der Linkspartei. Wir zitieren:

Mit ihrem „Aufstand des Gewissens“ zeigt sich ein neues, ein anderes Deutschland, in dem der Einzelne zur moralischen Instanz wird, die obrigkeitsstaatliches Denken überwindet. So heterogen die Herkunft und die Motive der Verschwörer waren: Sie einte, wie Friedrich Olbricht bekannte, die „unendliche Sorge um unser Vaterland“ und die Bereitschaft, dafür zu sterben.

Dies Zitat zeigt, worum es geht, wenn Stauffenberg staatsoffiziell gedacht wird: Zum einen geht es um eine Modernisierung des deutschen Selbstverständnisses – weg vom Obrigkeitsstaat, hin zu einer liberalen Verpflichtung gegenüber dem eigenen Gewissen. Nicht allein auf einen Befehl hin, sondern aus eigenem Gewissen, nach eigener freier Entscheidung soll der Soldat heute für sein Vaterland sterben. Das Vaterland soll zur innersten Herzensangelegenheit werden. Und auch das Morden soll er nach eigenem Gewissen betreiben, aus Überzeugung und ausgerechnet als geschichtliche Lehre aus Auschwitz. Das ist der Sinn der Einschwörung auf Stauffenberg. Angesichts dieser Gedenkpraxis, ihrer Rituale und ihrer mörderischen Konsequenz möchte man kotzen.

Krieg beginnt hier und muss auch hier bekämpft werden. Wir können das tun, indem wir uns gegen die Zusammenarbeit von Militär und Jobcenter, Schule oder Uni wehren, indem wir die Rüstungsindustrie angreifen. Was wir aber auch immer tun müssen, ist die Ideologie des Krieges angreifen und die Ideologie der Nation und ihre symbolischen Inszenierungen. Und daher muss Stauffenberg runter vom Sockel!

Bundeswehr abtreten!
Nie wieder Krieg!
Nie wieder Deutschland!