Schon zum 10. Jahr in Folge treten auch heute wieder Rekrutinnen und Rekruten der Bun-deswehr ausgerechnet am 20. Juli an, um öffentlich die Treue zu Grundgesetz und Vaterland feierlich zu geloben. Am 20. Juli treten sie an, um eine Traditionsbildung zu bekräftigen, die wunderbar funktioniert: die Tradition des militärischen Widerstands um Claus Graf Schenk von Stauffenberg, dem Hitlerattentäter und seinen Mitverschwörerinnen und Mitverschwörern. Heute vor 65. Jahren scheiterte bekanntlich das Attentat auf Hitler.

Was aber macht Stauffenberg so vorbildlich für die Bundeswehr? Warum an diesem Tag diese militaristische Inszenierung?

Stauffenberg ist längst nicht mehr aus dem nationalen Epos wegzudenken. Er ist ein wahrer Nationalheld. Spätestens seit der Hollywoodverfilmung, die Anfang diesen Jahres in die Kinos kam, wähnen sich die Deutschen als legitime Erben des Bombenlegers mit Augenklappe vor aller Welt von den Verbrechen des Nationalsozialismus entlastet. Dass Stauffenberg sacro-sact ist haben die verschiedenen Aufregungen um den Film, wie die Scientology-Zugehörigkeit des Hauptdarstellers, der Zirkus um Drehgenehmigung im Bendlerblock und schließlich der WDR-Rundfunkrat gezeigt, der allen Ernstes Oliver Pocher für harmlose Stauffenbergwitze rügte, weil damit die Ehre des Helden beschädigt sei.

Stauffenberg gilt als die Verkörperung wahrer deutscher Tugend. Er soll für ein „anderes Deutschland“ stehen, das neben dem Nationalsozialismus immer auch bestanden habe – ein Deutschland in dem sich so wunderbare Dinge, wie musisches Interesse, bei Stauffenberg die Zugehörigkeit zum Kreis um den elitären national-romantischen Schwurbeldichter Stefan George, und soldatischer Pflichtethos miteinander verbinden.

Dass Stauffenbergs Gewissen schließlich über die soldatische Pflicht siegte, wird ihm besonders hoch ausgelegt – nicht der Befehl, nicht der Eid auf den Führer war ihm das höchste, sondern das „heilige Deutschland“. Um dieses zu retten, schloss er sich dem illustren Verschwörerkreis um Henning von Tresckow, Friedrich Olbricht, General a.D. Ludwig Beck, und Carl Goerdeler an. Henning von Tresckow als Offizier im Stab der Heeresgruppe Mitte war als Befehlshaber informiert von den Erschießungskommandos an der Ostfront, die sein untergebener Mitverschwörer und Chef der berüchtigten Einsatzgruppe B Arthur Nebe befehligte und stand voll und ganz hinter der „Partisanenbekämpfung“, die de facto nichts anderes war, als ein Massaker an der Zivilbevölkerung. Ebenfalls ein Mann vom 20. Juli, Generaloberst Hoeppner befahl die Erschießung aller russischen Kriegsgefangenen. Ludwig Beck und Carl Goerdeler planten indes die Staatsordnung nach Hitler und machten sich Gedanken darüber, wie Jüdinnen und Juden auf anständige, humanitäre Art aus der deutschen Gesellschaft ausgeschlossen werden könnten und waren liberal genug, „ die Frage der Rassenvermischung (…) dem gesunden Sinn des Volkes (zu) überlassen“:

Weil sich Stauffenberg also diesem illustren Kreis anschloss, deren Überzeugungen er wei-testgehend teilte, gilt er als Held. Die Motive der Verschwörer werden entweder verschwiegen oder in die reine moralische Entrüstung gegenüber Kriegführung und Vernichtungslager umgelogen. Eins aber wird immer betont: Der unbedingte Wille, das Vaterland zu retten und wenn nicht dieses, so zumindest seinen Ruf im Ausland. Kein Wunder, dass in fast jeder Po-litikerInnenrede zum 20. Juli der Ausspruch Henning von Tresckows nicht fehlen darf: „Das Attentat muss erfolgen, koste es, was es wolle. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.“ Gleichgültig also, ob das Morden in Auschwitz ein Ende findet und gleichgültig ob das Schlachten an der Ostfront weitergeht, hauptsache, dass Ansehen Deutschland ist gerettet. Koste es, was es wolle: Am Ende kostete es Stauffenberg und Co. das Leben und auch das wird ihm hoch angerechnet: Sie starben für Deutschland.

Wenn es also zunächst als große liberale Geste erscheint, dass jedes Jahr am 20. Juli Soldatin-nen und Soldaten am Bendlerblock, mittlerweile am Reichstag, öffentlich geloben dürfen, und damit im Gedenken an einen Eidbrecher, dann zeigt sich doch recht schnell, was an Stauffe so verdammt vorbildlich war: Er ging für Deutschland in den Tod und genau das sollen Rekru-tinnen und Rekruten heute auch mit dem selben heiligen Eifer tun, wie Stauffenberg, dessen unbedingtes Bekenntnis zur Nation das letzte war, was ihm über seine Lippen ging.
Doch nicht nur das Opfer für das Vaterland macht Stauffe so praktisch für die Bundeswehr. Er ermöglicht auch genau den Traditionsanschluss an die Wehrmacht, die seit der Wehr-machtsausstellung nicht mehr möglich war. Nicht mehr die ganze Wehrmacht, zumindest aber die angeblich „anständigen“ Leute vom 20. Juli können als positive ungebrochene deutsche militärische Tradition abgefeiert werden, trotz Beteiligung an Kriegsverbrechen – denn schließlich waren sie gegen Hitler.

Dass dieses jährliche militaristische Ritual genau seit 1999 am 20. Juli stattfindet, also seit dem Jahr, wo Deutschland wieder Angriffskriege führt, ist sicherlich kein Zufall. Da musste die ideologische Untermauerung deutschen Soldatentums erneuert werden, da musste das Opfer fürs Vaterland wieder beschworen werden, da musste man sich der deutschen Geschichte entledigen. So einfach, den NS zu verschweigen, konnte man es sich aber nicht machen. Vielmehr wird die Bundeswehr im Gedenken an Auschwitz in den Krieg geschickt. Sie muss also sowohl eine lange militärische Tradition haben, die frei ist vom NS und trotzdem so op-ferbereit und nationalistisch wie möglich. Für beides, die Opposition gegen Hitler und milita-ristischen Nationalismus steht Stauffenberg.

Gerade weil die „Männer und Frauen“ vom 20. Juli militaristisch und nationalkonservativ waren, ohne dass ihnen besondere Nähe zum NS nachgesagt werden kann – schließlich wollten sie ja Hitler beseitigen – , eignen sie sich hervorragen zur ideologischen Entkoppelung von nationalistischem Militarismus und NS. Dabei wird selbstverständlich ausgeblendet, dass es gerade diese nationalkonservativen Eliten waren, die den deutschen Faschismus erst möglich gemacht hatten: Sie waren die tragende Säule der Gesellschaft, auf die Hitler bauen konnte. Sie alle begrüßten die Revision von Versaille, die Verfolgung der Kommunist_innen, die Zerschlagung der Gewerkschaften das Ende der Weimarer Parteiendemokratie, die Anektierung Österreichs und die Besetzung der Ostgebiete.

Die einstweilige Zustimmung und die Mitwirkung am NS ist in der Erinnerung längst kein Manko mehr, nichts was ausgeblendet werden müsste, sondern was im Gegenteil emphatisch betont wird. Das haben sie in der paradoxen Logik der deutschen Erinnerung anderen Wider-standsgruppen nämlich voraus: Denn was ihnen hoch angerechnet wird, ist, dass sie sich ge-läutert haben, dass sie also erkannt haben, was für Fehler sie gemacht haben. Das konnte der jüdische Widerstand nun nicht! Sie fungieren dabei als Prototypen der „Vergangenheitsbe-wältigung“. Größtmögliche Schuld heißt eben auch größtmögliche Bewältigung der Schuld, die nun zur Legitimationsideologie für allerlei Kriege dienen kann.

Stauffenberg ist also ein Held, er ist ein Mulitfunktionsheld: Mit Stauffenberg lässt sich der militaristische Nationalkonservatismus vom NS trennen, mit Stauffenberg lässt sich eine ein-wandfreie militärische Tradition konstruieren, mit Stauffenberg lässt sich die Vergangenheit bewältigen. Aber vor allem lässt sich mit Stauffenberg prima fürs Vaterland sterben. Dieses Land will Kriege führen – und ein Land das Kriege führen will, braucht auch Helden.
Wir brauchen keine nationalen Helden, wir wollen keine nationalen Helden! Denn wir brauchen weder Kriege, noch eine Nation. Stauffenberg abschalten! Eject Germany! Bundeswehr abtreten!