Redebeitrag zum Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge

Gehalten auf der Kundgebung gegen Deutsches Heldengedenken am Columbiadamm, am 15.11.2009

Wir stehen hier vor dem Garnisonsfriedhof Columbiadamm, wo alte und neue Nazis, Traditionsverbände, Burschenschaften und sonstige rechte, reaktionäre und faschistische Organisationen und Einzelpersonen ihren offenen Geschichtsrevisionismus propagieren. Dass sie das hier tun können, ist zum Kotzen!

Wir denken jedoch, dass dieses geschichtsrevisionistische Treiben nur die Spitze des Eisbergs ist. Zwar ist es gelungen, dass bürgerliche Parteien und die Bundeswehr sich hiervon distanzieren mussten, aber diese formale Distanzierung täuscht nur über die Gemeinsamkeiten hinweg, die ein Großteil der bundesdeutschen Bevölkerung mit dieser Veranstaltung hat.
Deshalb möchten wir auf das normale Gedenken am Volkstrauertag aufmerksam machen, wie es gestern – nicht weit von hier – vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge (kurz: VDK) auf dem Lilienthalfriedhof begangen wurde – allerdings gestört durch Pink Rabbit und seine Freundinnen und Freunde – und heute wieder unter Beteiligung des VDK in der Gedenkstunde im Bundestag und öffentlich vor der Neuen Wache inszeniert wird.

Was ist dieser Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge? Es ist ein Verein, der außer von Spenden mit öffentlichen Geldern unterstützt wird und die Betreuung von Kriegsgräbern organisiert. Auch der Garnisonsfriedhof wird von ihm gepflegt. Selbstverständlich distanziert sich der Volksbund von Nazis und sieht in den nationalistischen und militaristischen Denkmählern auf dem Friedhof hier ein „Spiegelbild seiner Zeit“, auf das man sich nicht mehr ungebrochen positiv bezieht. Das hielt aber eine Delegation des VDK nicht ab, auch im letzten Jahr hier beim Heldengedenken am Columbiadamm ebenfalls an der Zeremonie teilzunehmen und einen Kranz niederzulegen.
Ansonsten ist aber Heldenverehrung nicht offizielle Politik des VDK. Stattdessen geht es dem Volksbund im Gleichschritt mit Politik und dem Großteil der Zivilgesellschaft darum, die toten Wehrmachtssoldaten als Opfer zu betrauern. Sein Ziel ist dabei „Mahnung zum Frieden“ und „Versöhnung über den Gräbern“.

Der VDK berichtet stolz, dass er Gräber deutscher Soldaten in 44 Ländern pflegt. Da fragen wir uns doch zuerst: Wie sind die toten Soldaten denn da hingekommen? Warum liegen die denn da? Doch solche historischen Fragen sind nicht Sache des Volksbund, einzig zwei Sachen interessieren sie: Dass die Toten deutsch sind und dass sie im Krieg starben. Dass sie im Krieg starben, dass also Krieg tötet, reicht für eine abstrakte Mahnung zum Frieden. Und so sind deutsche Soldaten dann eben auch nur Opfer unter vielen.

Das ist Geschichtsrevisionismus in einer Form, die harmlos und unschuldig daher kommt. Denn wer will schon verübeln, wenn aus dem Gedenken an die Weltkriege der Schluss gezogen wird, dass nie wieder Krieg sein soll?
Doch genau in diesem gleichen Gedenken an alle Kriegstoten, die auch noch in einem Atemzug mit den Opfern der Shoah genannt werden, liegt eine gesellschaftlich akzeptierte Form der Gleichmacherei. Was im Gedenken bleibt ist das individuelle Leid – die gesellschaftlichen, politischen und historischen Zusammenhänge werden dabei ausgeblendet. Das deutsche Wüten verschwindet in einer riesigen Flut von Leid unter „Krieg und Gewaltherrschaft“. Der deutsche Landser erscheint als bloßes Opfer, genauso wie diejenigen, die dem mörderischen deutschen Antisemitismus zum Opfer fielen. Die Leichenberge von Stalingrad und die Leichenberge von Auschwitz werden als gleichwertig betrachtet und sie werden gleichwertig betrauert.

Wir aber bestehen darauf: Die Wehrmachtssoldaten in Stalingrad fanden den Tod, weil sie sich in den Dienst einer verbrecherischen Armee stellten und einen Vernichtungsfeldzug führten, der nur gestoppt werden konnte, in der fürchterlichen Weise, wie es in Stalingrad geschah. Sie starben, weil sie nicht desertierten, sich nicht ergaben und nicht zum Feind überliefen. Sie starben, weil sie deutsche Helden sein wollten oder zumindest an Pflichterfüllung glaubten, weil sie nie auf die Idee kamen, ihre Nation und ihre Kameraden zu verraten. Sie starben, weil für sie der Verrat an dem deutschen Vernichtungsunternehmen noch schlimmer war, als der sichere Tod im Schützengraben.

Die Vernichteten von Auschwitz sind tot, weil sie Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, schwul und/oder kommunistisch waren oder als asozial oder sonst wie als lebensunwert galten – sie fielen einem bürokratisch organisierten industriellen Vernichtungssystem zum Opfer, für sie gab es keine Chance, dem zu entrinnen – sie starben weil als etwas waren oder als etwas galten, was die deutsche Volksgemeinschaft als feindlich oder schädlich ansah.
Dieses industrielle Morden geschah im Schatten des Krieges. Ohne die Wehrmacht wäre das also gar nicht möglich gewesen.

Die Soldaten der Alliierten starben bei dem Versuch, die deutschen bei ihrem Vernichtungsfeldzug aufzuhalten. Auch das ist ein Unterschied.

Für den VDK allerdings existieren diese Unterschiede nicht. Sie haben sich längst mit der Vergangenheit versöhnt, weil diese nur eine Vergangenheit gemeinsamen Leidens aller Menschen in den Teilen der Welt ist, in denen der Zweite Weltkrieg tobte. Täter gibt es da nicht mehr, bzw. nur einen wahnsinnigen Österreicher und seine sadistische Herrscherclique und vielleicht noch die SS, denen Deutschland wie der Rest der Welt unschuldig zum Opfer fiel. Die Mittäterschaft großer Teile der deutschen Bevölkerung wird so unsichtbar.

Ebenso wird der Zusammenhang von Krieg und Shoah unsichtbar gemacht. Der deutsche Soldat erscheint dann als gänzlich unpolitisch, als jemand, der nur seine Pflicht erfüllt, bzw. Befehlen folgen musste, zum Einsatz eben gezwungen wurde. Soldaten werden damit zu willenlosen Vollstreckern eines bösen Willens deklariert, dem sich zu widersetzen angeblich gar nicht möglich war.

Wir sagen, der VDK ist geschichtsrevisionistisch. Wir sagen auch, der VDK ist nationalistisch. Er pflegt deutsche Gräber überall in der Welt und vertritt selbstbewusst den Anspruch, dass das deutsche Bedürfnis, um die nationalen Toten zu trauern über das Bedürfnis der Menschen in den Ländern geht, in dem sie liegen.
Über das Bedürfnis nämlich, die toten Deutschen als das zu sehen, was sie waren: Massenmörder und Besatzer. Die Legitimität dieser Sichtweise spricht ihnen der Volksbund ab, mit der zynischsten Begrifflichkeit, mit der eine solche Durchsetzung nationaler Interessen belegt werden kann: Versöhnung. Die Opfer deutschen Wütens bekommen von den Kindern ihrer Mörder die Hand zur Versöhnung hingestreckt – und hierzulande findet das kaum jemand merkwürdig.

Noch etwas ist nationalistisch an der Gedenkpolitik des VDK: Sie kommen eben nicht auf die Idee, dass die deutschen Soldaten auch hätten desertieren können, weil sie es als natürlich betrachten, dass junge deutsche Männer für ihr Land in den Krieg ziehen. Für den VDK ist es selbstverständlich, sich ohne zu fragen für das Vaterland zu opfern, egal, was der eigene Nationalstaat gerade für ein Programm fährt. Wer es für selbstverständlich hält, dass das Interesse der Nation dem individuellen übergeordnet ist, wer es normal findet, sich dem unterzuordnen, denkt nationalistisch.

Außerdem: Ist erstmal vergessen, dass es die Möglichkeit gab, zu desertieren, dann erscheint die Tatsache, dass da massenhaft junge deutsche Männer zu Massenmördern wurden, nicht als deren eigene Tat, sondern als traurige Verstrickung, als Tragödie. Vernichtungskrieg in Osteuropa und die Shoah: eine Tragödie. So denkt sich der VDK die Geschichte und so wollen viele Deutsche sie sehen.

Ist die Geschichte erstmal so entleert von allen Zusammenhängen, ist sie erstmal eine „Tragödie“ oder abstrakt „Krieg und Gewaltherrschaft“, dann kann man mit dem Betrauern der Toten auch jede Lehre ziehen, die den politischen Erfordernissen der heutigen Zeit genügt.

Denn ganz so einfach nur für Frieden ist der VDK auch nicht. Schließlich arbeitet er eng mit der Bundeswehr zusammen und macht sich dafür stark, die Toten der Bundeswehr heute genauso zu ehren, wie die Gefallenen der Weltkriege und ihre Gräber ebenfalls auf Dauer zu erhalten. Die Kriege der Bundeswehr werden dabei einfach zur „Arbeit für den Frieden“ und als „Lehre aus der Vergangenheit“ erklärt. Weil der VDK eben trotz Rede vom Frieden kein Problem mit Krieg hat, außer dass da Deutsche sterben, deshalb hat er auch kein Problem mit dem militaristischen Tamtam, das die offiziellen Feiern zum Volkstrauertag begleitet.

Der VDK macht das, was die Nazis da drüben machen, aber viel geschickter, in Abgrenzung zu ihnen, auf eine Weise, wie sie anschlussfähig ist, für die „Zivilgesellschaft“. Der VDK entsorgt ebenso die Geschichte – allerdings nicht im Sinne plumper Heldenverehrung, sondern im Sinne von Gleichsetzung von Opfern und Tätern – und er legitimiert deutsche Kriege – allerdings nicht durch Glorifizierung, sondern als „Arbeit für den Frieden“.

Wir wollen keine Versöhnung mit der Vergangenheit und keine ideologischen Lehren aus der Vergangenheit!
Wir wollen keine Helden und keine Betrauerung von Massenmördern als Opfer von „Krieg und Gewaltherrschaft“!
Wir wollen keine Versöhnung mit der Nation!
Deutschland muss sterben, damit wir leben können!