Nein zu deutschen Opfermythen!

„Donny! Hier will `n Deutscher für sein Vaterland sterben. Tu ihm den Gefallen.“
(Brad Pitt als Lt. Aldo Raine in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“)

Das „Heldengedenken“ auf dem Garnisonsfriedhof Columbiadamm ist ein jährliches Ritual rechter, rechtsradikaler, reaktionärer und nazistischer Vereine und Verbände, das am sog. „Volkstrauertag“ stattfindet. Zu diesem Tag treffen sich Reservisten der Deutschen Bundeswehr, reaktionäre Traditionsverbände, Burschenschaften, Alt- und Neonazis, um der im Ersten und Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten zu gedenken und sie als „Helden“ zu verehren. Bereits die Bezeichnung „Heldengedenken“ schließt bruchlos an die Tradition des Nationalsozialismus an, in der der Volkstrauertag in „Heldengedenktag“ umbenannt und dieser bereits vorher wesentlich revanchistische Tag zur Erinnerung an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges zu einer Propagandaveranstaltung ausgebaut wurde.

Der „Volkstrauertag“ als ganzes hat sowohl eine politisch untragbare Tradition, als auch eine nach wie vor geschichtsrevisionistische und militaristische Gegenwart. Der Volkstrauertag wurde vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in der Weimarer Republik mit eindeutig revanchistischer Stoßrichtung etabliert. Die Reden zu diesem Tage waren meistens mit der Forderung nach Rücknahme der Versailler Verträge und Ansprüchen auf das im Ersten Weltkrieg verlorene Elsass verbunden. Die allgemeine Losung war, denen zu gedenken, die „sterben mussten, damit Deutschland lebe“.
Während der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) sich heute einer so deutlichen Verherrlichung der Kriegstoten enthält und lieber allgemein von „Frieden und Versöhnung“ spricht, wollen rechte und rechtsradikale Kreise nicht bloß trauern, sondern die deutschen Soldaten als Helden feiern. Was beiden aber gemeinsam ist, ist dass ihnen die Gefallenen vor allem als ehrbare Opfer gelten. Bei beiden wird also – allerdings auf sehr verschiedene Weise – der Versuch gemacht, aus Tätern Opfer zu machen und damit die deutsche Geschichte umzuschreiben. Damit wird ein positiver Bezug auf die deutsche Nation erleichtert. Besonders im Gedenkjahr 2009 stehen die Veranstaltungen zum Volkstrauertag damit in einer Reihe mit anderen geschichtspolitischen Veranstaltungen, mit denen sich die deutsche Gesellschaft ihrer guten nationalen Identität zu vergewissern sucht.

Das „Heldengedenken“ am Columbiadamm ist dabei die konsequenteste Ausprägung dieses Versuchs. Veranstalter ist der Ring Deutscher Soldatenverbände (RDS Berlin). Neben Vereinigungen wie der Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger, dem Kyffhäuserbund, dem Stahlhelm, der Burschenschaft Gothia, dem Bund der Vertriebenen, der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS (HIAG) und der NPD und DVU ließ sich auch eine Delegation des VDK in den vergangen Jahren die Ehre nicht nehmen, an der gruseligen Veranstaltung teilzunehmen.

Der Friedhof am Columbiadamm eignet sich hervorragend für ein solches Ritual. Auf ihm finden sich neben zahlreichen Gräbern aus den beiden Weltkriegen mehrere monumentale Denkmähler, die in militaristischer Manier die toten Soldaten zu Helden und Vorbildern erklärt. Diese Ehrungen betreffen auch Soldaten, die am Vernichtungsfeldzug in Osteuropa und an den damit verbundenen unzähligen Verbrechen der Wehrmacht beteiligt waren. Neben diesen Kriegsverbrechern wird auf dem Garnisonfriedhof auch den Gefallenen im Kolonialkrieg in „Deutsch Südwestafrika“ (dem heutigen Namibia) gedacht, einem Vernichtungsfeldzug gegen die aufständischen Herero und Nama, einem weitgehend verdrängten Genozid. Zwar wurde am 02.10.2009 ein Gedenkstein für die Opfer dieses Völkermordes neben dem Hererostein aufgestellt, jedoch vermeidet dieser den Begriff „Genozid“ und unterstreicht damit die relativierende Betrachtung der deutschen Kolonialgeschichte.

Der Garnisonsfriedhof am Columbiadamm ist damit ein wichtiger Bestandteil einer relativierenden militaristischen Erinnerungskultur, die den Einsatz von Soldaten für ihr Vaterland bis in den Tod bis heute für ehrbar hält. Kein Wunder also, wenn er jährlich Nazis, rechtskonservative, Reaktionäre und Deutschnationale anzieht. Kein Wunder auch, dass dieses Treffen immer wieder anschlussfähig ist für die bürgerliche Mitte. Zwar ist es hier durch antifaschistische Proteste zuletzt gelungen, die Veranstaltung gesellschaftlich zu isolieren und Vertreter_innen der „Demokratischen Parteien“ (noch 2006 legte der FDP-Bezirksverband Neukölln einen Kranz nieder) und der Bundeswehr eine Teilnahme unmöglich zu machen. Auch ging die Zahl der Teilnehmer_innen in den letzten Jahren zurück. Trotzdem ist es bis heute nicht gelungen, diesem nationalistischen, reaktionären und geschichtsrevisionistischen Treiben ein Ende zu bereiten. Daher gilt es auch dieses Jahr, der Veranstaltung lauten und unversöhnlichen Protest entge-genzubringen.

Eine linksradikale Kritik am Umgang mit der deutschen Geschichte darf aber nicht bei deren Inter-pretation durch den rechten Rand stehen bleiben, sondern muss ihre bürgerlichen und zivilgesell-schaftlichen Formen ebenso in den Blick nehmen. Denn die unsägliche Darstellung der deutschen Kriegstoten als bloße Opfer findet ebenso bei den vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) organisierten Feiern zum Volkstrauertag statt.
Der VDK will dabei zum Frieden mahnen, er fordert, im Gleichschritt mit Politik und dem Großteil der Zivilgesellschaft eine „Versöhnung über den Gräbern“. Diese vom Volksbund betreuten Gräber, so weiß der Verband stolz zu berichten, liegen in 45 Ländern. Wie die toten deutschen Soldaten da hingekommen sind, warum sie da sind, das berichtet er nicht. Einzig der Umstand, dass sie tot sind, reicht den fürsorglichen Kriegsgräberpfleger_innen, um ein abstraktes „Nie wieder!“ auszusprechen. Dass ihr Tod zwar für die Familien ein Verlust, für den Rest der Menschheit allerdings ein Glück war, dass also jeder tote Wehrmachtssoldat einen weiteren Schritt für die Beendigung des deutschen Wütens während des Zweiten Weltkrieges bedeutete, das will man beim VDK nicht sehen. Krieg und Shoah werden fein getrennt, der deutsche Soldat erscheint als gänzlich unpolitisch, als jemand, der nur seine Pflicht erfüllt, bzw. Befehlen folgen musste, zum Einsatz eben gezwungen wurde. Sie werden damit zu willenlosen Vollstreckern eines bösen Willens deklariert, dem zu widersetzen angeblich gar nicht möglich war. Ohnehin erscheint der Einsatz des eigenen Lebens für das Vaterland als das Natürlichste, denn die eigene Nation ist selbst schon als Teil der eigenen Natur erkannt und ideologisch abgesichert. Dem Staatswillen und sei er auch der Schlimmste, sich durch Desertation zu entziehen, gilt vielen noch immer als Verrat. Zudem widerspricht ein jeglicher solcher Akt der These der Unschuld der Übrigen. Ist die Möglichkeit zu desertieren erstmal geleugnet, erscheint die Tatsache, dass da massenhaft junge deutsche Männer zu Massenmördern wurden, nicht als deren eigene Tat, sondern als traurige Verstrickung, als Tragödie. Vernichtungskrieg in Osteuropa und die Shoah: eine Tragödie. So denkt sich der VDK die Geschichte und so will sie die Mehrheit der Deutschen sehen.
Nachdem man sich also so mit der deutschen Geschichte versöhnt hat, sollen es die anderen gefälligst auch tun. Die Versöhnung über den Gräbern, die sich da herbeigewünscht wird, ist nach dieser Geschichtsauffassung eine Versöhnung von Opfern mit Opfern. Die Tatsache, dass der Volksbund in Polen einfällt, dort große Grabfelder für Wehrmachtssoldaten anlegt und dann noch von der polnischen Bevölkerung Versöhnung verlangt, kommt den wenigsten Deutschen merkwürdig vor.
Mag auch der VDK Nazi-Heldengedenken nur tolerieren und selbst programmatisch nicht aufnehmen, so zeigt sich doch das bürgerlichere Konzept von Versöhnung und Täter-Opfer-Gleichsetzung ohnehin als zeitgemäßer.

Zeitgemäß ist die Mahnung für den Frieden allerdings nur noch in ihrer ideologischsten orwellschen Form, dass Krieg Frieden sei. Denn „Frieden“ ist für den VDK auch und vor allem das Werk der Bundeswehr, die sie zu ihren engsten Partnern zählt. So gibt es aus dem VDK heraus die Forderung, die Gräber der gefallenen Soldaten der Bundeswehr, genau wie die Weltkriegsgräber, auf Dauer zu erhalten und staatlich zu finanzieren. Der VDK ist damit auf einer Linie mit einer sich remilitarisierenden Politik, die zu ihrer Legitimation ein Ehrenmal für die im Einsatz umgekommenen Soldaten der Bundeswehr aufstellt und das Eiserne Kreuz zur Ehrung ihrer tapferen Helden unter neuem Namen wieder einführt.
Im Volkstrauertag begegnen sich also zwei Linien des aktuellen nationalistischen Diskurses: Einer-seits wird die deutsche Geschichte zu einer Geschichte umgeschrieben, in der – abgesehen von einer kleinen Täterclique um einen wahnsinnigen Österreicher – nur noch Opfer vorkommen, und dadurch ein positiver Bezug auf die deutsche Nation ermöglicht. Mit der Forderung nach Versöhnung wird eine „ganz normale deutsche Nation“ beschworen, die demnach auch den Anspruch hat, „wie alle anderen auch“ ihre staatlichen Interessen in der Welt mit Nachdruck und ggf. Militär auch durchzusetzen. Gleichzeitig wird im Gedenken an die Soldaten auch ein positiver Bezug auf deutsches Soldatentum, auf Ehre, Pflichterfüllung und Vaterlandsliebe wach gehalten und damit eine ideologische Absicherung deutscher Kriegseinsätze betrieben.

Wir wollen keine Helden
Wir wollen keine Versöhnung mit der Vergangenheit
Wir wollen keine Versöhnung mit der Nation.
Deutschland muss sterben, damit wir leben können!

Kommt zur Kundgebung gegen das Heldengedenken am 15.11.2009 um 10:00h, Columbiadamm