4.11.2010 // München // Kafe Marat, Thalkirchnerstraße 104/II // Veranstaltet von antifa nt

Die Deutschen und ihre Toten
Entlastende Erzählungen und ihre nationale Funktion

Den meisten Menschen hierzulande erscheint ihre Zugehörigkeit zur deutschen Nation als natürlicher Bestandteil ihrer Identität. Die Nation gilt als die Grundlage und Legitimation der staatlichen Gewalt und nicht als das, was sie ist: Die exklusive Zusammenfassung einer Gruppe von Menschen unter eben diese Gewalt. Eben weil es sich bei der Rede von der nationalen Identität um eine ideologische Verkehrung handelt, ist sie niemals widerspruchsfrei begründbar. Dass das mit der Natürlichkeit nicht so einfach ist, merken auch diejenigen, die daran glauben. Gerade deshalb ist die Frage, was deutsch ist, ständiger Gegenstand von Diskursen und wird immer wieder neu öffentlich ausgehandelt.
Um die Natürlichkeit von Nation zu begründen, wird besonders auf die Geschichte verwiesen, die als nationale Geschichte erzählt wird. Damit haben Deutsche aber auch immer ein besonderes Problem. Nationale Geschichte wird schließlich unter der Zielsetzung erzählt, dass am Ende das Bild einer guten Nation zu stehen hat. Die zentrale geschichtspolitische Aufgabe besteht daher darin, das eigentlich Unmögliche zu schaffen: Die Integration von Auschwitz in eine selbsterhöhende nationale Erzählung.
Eine Lösung des Problems scheint derzeit gefunden zu sein: Die Aufarbeitung der Geschichte ermöglicht, zwar die Vergangenheit nicht zu leugnen, sie aber dennoch in eine Auszeichnung zu verwandeln: Auschwitz ist zwar geschehen, aber „wir“ stellen uns diesem „dunklen Kapitel“ und gehen selbstbewusst mit der „Schande“ um. Jedoch ist damit das nationale Bedürfnis, die Geschichte so zu erzählen, dass der über die Geschichte konstante nationale Identitätskern von der Schuld freizusprechen ist, noch nicht befriedigt. Denn diesen Kern muss konstruieren, wer an der Idee von Nation festhalten will.

Dieses widersprüchliche Verhältnis von Aufarbeitungsnationalismus und relativierender entlastender Erzählung wollen wir anhand von zwei geschichtspolitischen Diskursen darstellen.

Die Figur Stauffenberg steht paradigmatisch für den deutschen Widerstand. Die Verstrickungen des Verschwörerkreises vom 20. Juli in die Verbrechen des Nationalsozialismus und ihre adlig-reaktionäre über konservativ-revolutionäre bis faschistische Gesinnung wird zwar mittlerweile zugegeben, dabei aber anhand dieser Tatsache eine Läuterungsgeschichte erzählt, in der sich die Aufarbeitung der Vergangenheit spiegelt und daher ein Identifikationsangebot auch für Menschen bietet, die mit erzkonservativen Ideen sonst wenig gemeinsam haben. Stauffenberg und die Verschwörer vom 20. Juli sollen dabei das „andere Deutschland“ vertreten, dass neben dem Nationalsozialismus angeblich immer noch bestanden und den nationalen Identitätskern durch die „dunkle Zeit“ gerettet haben soll.

Neben der Betonung des deutschen Widerstands dienen Opfererzählungen der Relativierung der Schuld. Offizieller Verwalter des Leids deutscher Soldaten im 2. Weltkrieg ist der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK). Ihm geht es vor allem um die Pflege von Soldatengräbern und um Versöhnung über denselben, gegen „Krieg und Gewaltherrschaft“. Mit der Betonung abstrakten Leids sind die politischen Ursachen desselben schon nicht mehr im Blick und die Toten von Stalingrad und die Toten von Auschwitz erscheinen als abstrakt-gleiche Opfer, die gleichermaßen öffentlich zu betrauern wären, wie es auch jährlich in den Neuen Wache in Berlin am Volkstrauertag unter Mitwirkung des VDK geschieht.
Die Politik des VDK ist ein Lehrstück, wie mit vermeintlich harmloser Politik des Friedens und der Versöhnung die Vergangenheit im nationalen Interesse umgebogen, deutsche Interessen selbstbewusst im Ausland vertreten und Kriege ideologisch unterstützt werden.

Bei beiden Beispielen geht es uns nicht darum, eine richtigere Geschichtsschreibung einzufordern oder das Falsche als moralisches Vergehen an den Opfern des deutschen Wütens zu geißeln, sondern die Logik der nationalen Geschichte als solche zu kritisieren. Nicht das Stauffenberg eigentlich ein falscher Held ist, ist zu kritisieren, sondern im Gegenteil, der Umstand, dass er genau der richtige ist, zeigt, wie diese Nation sich selbst begreift. Und nicht dass der VDK die Geschichte ihrer Kausalität entkleidet ist das eigentlich Interessante, sondern warum er damit ein nationales Bedürfnis befriedigt.

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Der Text des Vortrags findet sich hier.