Am 20. Juli 1944 hat eine Gruppe von v.a. militärischen Verschwörern um den damaligen Oberst Stauffenberg ein Attentat auf Hitler durchgeführt, das bekanntlich scheiterte. Mit historischen Details wollen wir uns hier nicht lange aufhalten.
Will man allerdings den Diskurs um Stauffenberg richtig einordnen, so muss man zwei Ebenen unterscheiden, auf denen Auseinandersetzungen geführt werden. Die eine ist die des Historischen und die andere die des Erinnerns und Gedenkens. Auf die Ebene des Erinnerns kommen wir noch zurück. Auf der Ebene des Historischen werden die Auseinandersetzungen um das Weltbild, die Motive der Verschwörer, um die gesellschaftlichen Strukturen des NS, die deutsche Vernichtungspolitik wie auch die Frage nach Handlungsmöglichkeiten geführt. Desweiteren wird den Fragen nachgegangen, ab wann bzw. ob überhaupt Stauffenberg sich vom Nationalsozialismus distanzierte, welche Ziele und Motive sein Handeln bestimmten etc.

Weil immer wieder die Rede davon ist, Stauffenberg habe sich vom Saulus zum Paulus gewandelt, nehmen wir dieses Bild als Metapher für drei mögliche Positionen: Zum einen kann man behaupten, Stauffenberg sei immer Paulus gewesen, er habe also dem Nationalsozialismus immer skeptisch gegenüber gestanden. Als Belege gelten dafür Tagebucheinträge über Hitler wie „Der Kerl macht Krieg!“. Abgesehen davon, dass „Kerl“ auch bewundernd gemeint sein kann, ist das natürlich eine ganz klare Oppositionshaltung, wenn man so weit geht, jemanden als „Kerl“ zu beschimpfen.

Am weitesten verbreitet ist die Saulus-Paulus-These, auf die wir daher später eingehen werden. Auch hörbar ist die von vor allem linken Historiker_innen vorgetragene Auffassung, wir hätten es hier immer mit einem Saulus zu tun. Da auch wir diese Auffassung für historisch zutreffend halten, ein paar Bemerkungen dazu. Stauffenberg bejubelte zunächst den NS und war Feuer und Flamme für die deutsche Revolution. Auch diejenigen aus dem Verschwörerkreis, die aufgrund ihrer konservativen Grundhaltung dem revolutionären Pathos tatsächlich von Anfang an skeptisch gegenüberstanden, teilten doch grundlegende Überzeugungen mit dem NS und begrüßten deren konsequente Umsetzung. Gemeint sind Forderungen nach der Revision von Versailles (einschließlich der Abschaffung der Weimarer Republik), der (Rück)Eroberung von ‚deutschem Lebensraum im Osten‘, die Wiederaufrüstung und ganz allgemein die Sicherung einer (imperial gestalteten) Weltmachtstellung Deutschlands. Dazu gehören weiterhin ein mehr oder minder radikaler Antikommunismus, Antislawismus und Antisemitismus. Darüber hinaus ist aber spätestens seit dem verlorenen ersten Weltkrieg eine grundsätzliche Affinität des Weltbildes der hohen Offiziere in der deutschen Armee zu nationalistisch-völkischem Gedankengut festzustellen.

Auch diejenigen Militärs, die später das Attentat auf Hitler planten und durchführten, haben die Installierung des NS-Regimes und die ‚nationale Revolution’ begrüßt. Sie unterstützten das Ende des Weimarer Parteienstaates und die Zerschlagung der linken Parteien.
Die Abspaltung vom Nationalsozialismus erfolgte im Kern aus zwei Gründen: Zweifel erhoben sich zum einen wegen der Praxis der nationalsozialistischen antijüdischen Politik und zum anderen wegen der Kriegsführung. Diese Zweifel wurden nach den ersten Wochen des Krieges gegen die Sowjetunion und besonders im Zusammenhang mit dem drohenden Scheitern des militärischen Überfalls relevant.

Das Attentat vom 20. Juli war daher nicht primär antifaschistisch oder antinationalsozialistisch motiviert. Es galt der Rettung Deutschlands und derjenigen politischen Ziele, die die Attentäter zuvor mit der NS-Bewegung verbunden hatten, sie aber zunehmend verraten fanden. Dazu gehörten zum einen die schlechte Kriegsführung und die drohende vollständige Kapitulation und der Verlust nationaler Souveränität. Zum andern herrschte aber auch Empörung über die Verbrechen an der Front und in den Lagern. Doch auch diese fanden sie insbesondere deshalb unverzeihlich, weil sie die deutsche Ehre zu beschmutzen drohten. Die Verschwörer brachen also das zuvor eingegangene Zweckbündnis mit dem Nationalsozialismus nicht, weil sie ihre früheren Ziele überdachten, sondern weil der NS diesen Zielen hinderlich war.

Will man den Diskurs um Stauffenberg richtig einordnen, lohnt es sich, einen Blick auf die Geschichte dieses Diskurses in der BRD zu werfen. Ein paar Stationen sollen hier angerissen werden.

50er
In den Gründungsjahren der BRD betrachtete die Mehrheit der Deutschen die Akteure des 20. Juli als „Verräter“. Verraten sahen sie sich als Deutsche. Dagegen hatten Teile der politischen und gesellschaftlichen Elite schnell begriffen, dass die Attentäter vom 20. Juli als geschichtliche Entlastungszeugen und antikommunistische Helden ideologisch brauchbar sind und arbeitete fieberhaft an der Rehabilitation der Attentäter und der Anerkennung des 20. Juli 1944 als „Aufstand des Gewissens“.
Der Bürgermeister West-Berlins Ernst Reuter erblickte am 19. Juli 1953 bei der Einweihung des Denkmals für die Opfer des 20. Juli 1944 im Bendlerblock dann auch in ihrer Tat „das erste sichtbare, weithin wirkende Fanal, das der Welt zeigte, dass in Deutschland der Wille zur Freiheit und der Wille zum eigenen Leben nicht untergegangen war“ und stellte sie in einen Kontext mit dem Aufstand vom 17. Juni in der DDR des selben Jahres.

Ein „Gründungsmythos“ der Bundesrepublik war geboren. Indem diese sich in die Tradition des 20. Juli 1944 stellte, entstand die Legende vom „anderen Deutschland“. Dieses Konstrukt des „anderen, besseren Deutschland“ verkörpert die ‚eigentliche deutsche Nation’, die neben dem Nationalsozialismus weiterhin bestanden und mit diesem nichts gemein gehabt haben soll. Die „Frauen und Männer des 20. Juli“ sollen dabei all jene ‚anständigen’ Deutschen repräsentieren, die dem Nationalsozialismus distanziert gegenüber standen. Dies wurde für die Mehrheit der Deutschen beansprucht. Insofern bot das ‚andere Deutschland’ den Deutschen die Gelegenheit, sich rückwirkend von der Beteiligung an nationalsozialistischen Verbrechen loszusagen.

Demnach gab es auch 1955 gleich zwei Stauffenbergspielfilme die mit pädagogischem Eifer das Publikum zu überzeugen suchten, Stauffenberg zu rehabilitieren und als Held zu betrachten. Dies fiel bemerkenswerter Weise in die Zeit der Wiederbewaffnung. Die personelle und ideelle Kontinuität zwischen Wehrmacht und Bundeswehr erschwerte jedoch die ideologische Vereinnahmung Stauffenbergs für die Bundeswehr, so dass sie 1965 per Erlass erzwungen werden musste, den 20. Juli in ihr Traditionsverständnis aufzunehmen. Heute gehört der militärische Widerstand zum festen Bestandteil der Bundeswehrtradition.

80er
In den Achtzigerjahren wurden zunehmend Forschungsergebnisse bekannt, die es schwer machten, Stauffenberg zum geistigen Vorläufer des Grundgesetzes zu erklären. Außerdem begann man, auch anderen Widerstandsgruppen zu gedenken. Dieses Gedenkkonzept wurde besonders in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand umgesetzt. Alle Widerstandsgruppen werden dabei unter dem einenden Label „Deutscher Widerstand“ zusammengefasst. Die deutlichen politischen Differenzen werden ausgeblendet. Und der 20. Juli behält seine herausragende Stellung, weil in ihm der einzige Versuch gesehen wird, der zumindest Aussicht auf Erfolg hatte.

90er
War nach der Wende noch nicht klar, in welche Richtung die gesamtdeutsche Erinnerungspolitik gehen wird, so sorgte Mitte der Neunziger die Wehrmachtsausstellung für eine deutliche Zäsur. Die Trennung gute Wehrmacht – böse SS ließ sich historisch nicht mehr rechtfertigen und der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe stellte nun offiziell fest, dass die Wehrmacht „in ihrer Spitze, mit Truppenteilen und mit Soldaten in Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt“ war und „deshalb keine Tradition begründen“ könne. Einzig die Offiziere vom 20. Juli konnten noch eine militärische Traditionsbildung durch den NS hindurch ermöglichen.

Während die Regierung Kohl sich mit der erinnerungspolitischen Wende teilweise noch schwer tat, setzte die rot-grüne Regierung ab 1998 die neue deutsche Geschichtspolitik konsequent ins Werk. Die Gelegenheit dazu bekam sie bekanntlich 1999 bei der Legitimation des Krieges gegen Jugoslawien. Nicht trotz, sondern wegen Auschwitz sollten nun Bomben geworfen werden. Aus der deutschen Schuld wurde nicht mehr außenpolitische Zurückhaltung sondern „Verantwortung“ abgeleitet. Zur Legitimation sollte auch Stauffenberg herhalten.

Ausgerechnet 1999, also kurz nach dem Krieg gegen Jugoslawien, traten zum ersten Mal am 20. Juli Rekruten der Bundeswehr zu einem „Feierlichen Gelöbnis“ im Bendlerblock an. Dieses seitdem jährliche Ritual findet seit 2008 auf dem Gelände vor dem Reichstag statt, seit diesem Jahr nahezu ungestört. Im Jahr der Premiere verkündete der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping: „Die Bundeswehr steht in der Tradition der Ideale des deutschen Widerstands, wenn sie gemeinsam in der internationalen Zusammenarbeit mit unseren Freunden und Partnern dem Recht aller Menschen auf Würde und Freiheit zum Durchbruch verhilft.“

Diskurs heute
Schauen wir uns den Diskurs um Stauffenberg heute an, so fällt einiges auf. Besonders auffällig ist die Kritik, die an der Hollywoodverfilmung des Stoffes 2009 artikuliert wurde. Die beiden wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand schreiben im Tagesspiegel:

Über die Entwicklung Stauffenbergs vom Befürworter der nationalsozialistischen Politik zum Kritiker und schließlich zum unbedingten Gegner Hitlers erfahren wir nichts. […] Kein Wort darüber, wie Stauffenberg nach ihn herausfordernden Erfahrungen, nach der Kenntnis von nationalsozialistischen Gewaltverbrechen, eigene Positionen überwunden und verändert hat und was ihn dazu befähigte, sich von den Zwängen, Traditionen und Sogströmungen seiner Zeit zu entfernen und konsequent gegen die Diktatur zu wenden.

Und die Neuen Zürcher Zeitung echot:

Damit lässt der Film aber auch den ganzen ambivalenten Werdegang eines schillernden Mannes ausser acht, der kein Freund der Weimarer Republik und dem Nationalsozialismus anfangs nicht abgeneigt war, der zu Beginn des Kriegs noch voller Begeisterung in Polen einmarschierte und im Nachkriegsdeutschland mit reichlich Verspätung zum nationalen Mythos wurde, da er nicht nur unter Altnazis bis in die sechziger Jahre als Verräter galt. […] Zumindest hier, in Stauffenbergs spannungsreichem Bewusstwerden einer Mitverantwortung, die ihn schliesslich zur Tat schreiten liess, hätte Singer ansetzen müssen. Sein Film aber erspart sich die Widersprüchlichkeiten grosszügig. Es bleibt ein Geheimnis, weshalb der 20. Juli 1944 zu einem Gründungsmythos der neuen Bundesrepublik wurde.

Merkwürdig ist, dass hier eingefordert wird, die Verstrickung Stauffenbergs in den NS nicht zu verschweigen. Nur so, das ist der Tenor, kann Stauffenberg wirklich als Held gefeiert werden. Die Stauffenbergverfilmung des ZDF von 2004 war dieser Forderung auch nachgekommen.

Erzählt werden soll und erzählt wird auch eine Geschichte einer widersprüchlichen Entwicklung, einer Läuterung. Diese gilt nicht als Manko, sondern geradezu als Qualitätskriterium. Gewürdigt wird die spannungsreiche Entwicklung vom Saulus zum Paulus. Wie schwer ist es, als Teil des Systems sich daraus zu lösen und zu besseren Einsichten zu gelangen? Was ist dagegen schon jüdischer, kommunistischer oder sozialdemokratischer Widerstand? Gleichzeitig spiegelt sich in der Läuterungsgeschichte der moderne Aufarbeitungsnationalismus: Stauffenberg, der seine Verstrickung und Mitschuld erkannte, zog seine Lehre aus seiner Vergangenheit und handelte danach. Wir können uns daher als seine wirklichen Erb_innen begreifen.

Die Erzählung der Läuterungsgeschichte ist Geschichtsbetrachtung auf der Höhe der Zeit. Gleichzeitig ist sie aber auch eine entlastende Erzählung: In der Betonung des Heldenmuts und der menschlichen Größe, der es bedurfte, sich aus den „Sogströmungen seiner Zeit“ zu lösen, ist unterstellt, dass es eben bei den meisten Deutschen einfach an dieser Größe mangelte, was ja menschlich verständlich ist. So werden gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Stauffenberg erscheint als Held und Vorbild und die anderen sind freigesprochen.

Neben dem Qualitätskriterium der Läuterung steht das Qualitätskriterium der Selbstlosigkeit: schließlich ging es den „Frauen und Männern des 20. Juli“ nicht um so etwas Profanes wie ihr nacktes Leben. Vielmehr handelten sie für Höheres: für die Rettung Deutschlands oder zumindest seines Ansehens. Dies ist es, was Henning von Tresckow 1944 aussprach und seitdem so oft zitiert wird:

Das Attentat muß erfolgen, koste es, was es wolle. Sollte es nicht gelingen, so muß trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.

Dass der praktische Zweck – hier das Verhindern von mehreren Millionen Toten allein im letzten Kriegsjahr – vor der Geschichte gleichgültig ist, gleichgültig neben dem Zeichen an die Welt, dem guten Ruf Deutschlands, sollte eigentlich noch die Letzten stutzig machen, tut es aber offensichtlich nicht.

Diese selbstlose Sorge um das nationale Wohl soll dann auch Vorbild für alle Staatsbürger_innen sein. Beim Berliner Bürgermeister Harald Wolff [Die LINKE] klingt das so:

Mit ihrem „Aufstand des Gewissens“ zeigt sich ein neues, ein anderes Deutschland, in dem der Einzelne zur moralischen Instanz wird, die obrigkeitsstaatliches Denken überwindet. So heterogen die Herkunft und die Motive der Verschwörer waren: Sie einte, wie Friedrich Olbricht bekannte, die „unendliche Sorge um unser Vaterland“ und die Bereitschaft, dafür zu sterben.

Das ist auch der Appell, der immer durchscheint, wenn an Stauffenberg gedacht wird: Sich ein Vorbild nehmen an der Opferbereitschaft für das Vaterland. Und gerade jetzt, wo Deutschland auch offiziell Kriege führt und Soldaten wieder für ihr Land sterben müssen ist eine Einschwörung auf diese Bereitschaft wieder wichtig. Ein Ehrenmal und eine Tapferkeitsmedallie reichen nicht.
Zusammenfassend kann man sagen: Der ‚Aufstand des Gewissens’ war ein Aufstand des nationalistischen Gewissens. Dies ist auch der Kern des Gedenkens an die „Frauen und Männer des 20. Juli“.

Eine weitere Merkwürdigkeit besteht in den Strategien zur Immunisierung gegen Kritik. Zwar wird die politische Gesinnung Stauffenbergs nicht geleugnet, es wird aber auf seine „Zeitverhaftetheit“ hingewiesen. Als ob damals liberale, demokratische und kommunistische Ideen noch nicht in der Welt gewesen wären. Der Zug funktioniert folgendermaßen: Zunächst sollen wir anerkennen, dass der Adel der Weimarer Republik politisch-ideologisch etwas zurückgeblieben war und dann sollen wir anerkennen, dass Stauffenberg trotzdem das richtige getan hat.

Daran anschließend ist die zweite Immunisierungsstrategie der Heroismus: Ein Urteil über Stauffenberg sei nur dann gerechtfertigt, wenn man sich sicher sei, selbst sein Leben für die rechte Sache aufs Spiel zu setzen. So unsinnig es ist, die Wahrheit von Sätzen nach den Charaktereigenschaften der Menschen zu bemessen, die sie sprechen, so hoch ist doch die suggestive Kraft dieses Vorwurfs. Bei Verteidigungsminister Guttenberg klingt das so:

Immer wieder wird im Zuge des 20. Juli „mangelndes Demokratiebewusstsein unter den Verschwörern“ beklagt. Was für ein komfortables, ja manchmal hochmütiges Urteil – sei es aus dem angeblich gefestigten Wissen unserer Zeit oder aus Gründen individueller Geschichtsbewältigung. Die Frage, ob sich letztere Haltung aus dem Streben nach Minimierung der Gefahr persönlichen Scheiterns erklärt, mag an dieser Stelle unbeantwortet bleiben. Die Divergenz zu den Mitgliedern des NS-Widerstandes wäre allerdings bezeichnend.

Überhaupt liegt in der Betonung der charakterlichen Stärke ein reaktionäres Moment. Dieses wird immer aufgerufen, sobald Kritik an Stauffenberg laut wird. So schreibt z.B. Karl Heinz Bohrer in der Süddeutschen Zeitung in einer Antwort auf den kritischen Beitrag Richard Evans, Stauffenberg und die Seinen repräsentierten „eine Höhe des sittlichen, charakterlichen und kulturellen Formats, von dem heutige Politiker und andere Mitglieder der Funktionselite nur träumen können.“ Ebenso stellt er fest: „Man möchte Vergleichbares von den politisch korrekten, relativ konformistischen Nachkommen der Nazis in einer postheroischen Gesellschaft gar nicht fordern.“

Ohnehin dient Stauffenberg als Kronzeuge dafür, dass reaktionärer Konservatismus nicht im NS aufgegangen sei. Daher versucht auch die Junge Freiheit über das Ticket Stauffenberg ihr Image aufzupolieren, weil sie sich nicht ganz zu unrecht als seine wahren politischen Erben inszenieren können.

Mit der Betonung der Zeitverhaftetheit und der Einengung auf das persönliche Schicksal, die inneren Widerstände, die dramatische Entwicklung Stauffenbergs und schließlich auf den Heroismus der Tat lässt sich dann auch die Bedeutung des Attentats komplett von den Motiven dazu trennen. Ist es erstmal so ausgehöhlt, kann es beliebig gefüllt werden, je nach politischen Erfordernissen. So lernt man bei der Durchsicht der Reden zum 20. Juli viel mehr über das politische Ansinnen der Redner_innen als über die historischen Figuren. Diese werden zu bloßen Stichwortgebern. Daher ist viel zu hören von der Wiederherstellung der „Majestät des Rechts“, dem Einsatz für „Recht und der Menschlichkeit“, einem „starken Zeichen für Frieden, Freiheit und Demokratie“, der Verteidigung der „Menschenwürde“, der radikalen Ablehnung von „Totalitarismus und Unrecht“ und einem „Zeichen auf dem Weg zu einer wahren europäischen Wertegemeinschaft“. Das Handeln und der Mut der „Frauen und Männer des 20. Juli 1944“ sollen für all dies stehen und ein bleibendes Leitbild für deutsche Staatsbürger_innen abgeben.

Vor allem geht es also bei Stauffenberg um nationalistische Appelle. Kritikmaximierung Hamburg bringen es daher auf den Punkt, wenn sie feststellen:

Der deutsche Nationalmythos Stauffenberg ist deshalb von links falsch kritisiert, wenn man dem »German Gedenken« lediglich vorwirft, dass ein bürgerlich-demokratischer Staat sein Vorbild in konservativ-reaktionären Wehrmachtsangehörigen sucht, die quasi die richtige Tat aus der falschen Motivation verübten. Weil Stauffenberg, wie auch Merkel, Köhler und die FAZ allein Deutschlands Bestes im Blick haben, wenn sie sich gegen den NS positionieren, sind die Attentäter des 20. Juli genau die treffenden Figuren deutscher Vergangenheitspolitik.

An dem Diskurs um den 20. Juli lässt sich gut sehen, wie Aufarbeitung und Strategien der Entlastung Hand in Hand gehen. Einerseits spiegelt die dramatische und filmreife Geschichte Stauffenbergs die Idee der Aufarbeitung. Mögen in der Vergangenheit auch unfassbare Verbrechen begangen worden sein, etwas Gutes haben sie dann doch: Man kann aus Ihnen lernen. Und Stauffenberg hat gelernt, genau wie die Deutschen gelernt haben.
Auf der anderen Seite dient Stauffenberg auch der Entlastung. Die Betonung seines Heldenmuts hat immer auch den Subtext, dass es eben nicht allen Menschen vergönnt ist, derartige charakterliche Stärke zu haben.

Die Aufnahme der Schuld gibt es eben nur im Sinne abstrakter kollektiver Verantwortlichkeit, andrerseits wird eben doch herausgestellt, dass die Verbrechen des NS auch deshalb skandalös sind – und für gute Deutsche ist das der eigentliche Skandal –, weil sie fälschlicherweise im Namen der Deutschen verübt wurden. Damit ist bereits unterstellt, dass sie auch bloß in ihrem Namen, nicht aber tatsächlich von den Deutschen als Gesamtheit verübt worden sind. Gerade deshalb braucht es Taten, die tatsächlich als im Namen der Deutschen begangen gewertet werden können. So wird das Attentat vom 20. Juli zu der Tat für Deutschlands Freiheit erklärt, im Namen der Nation und als Ausdruck des angeblichen anderen Deutschlands.
Die Konstruktion des anderen Deutschlands ermöglicht, einen unbelasteten deutschen Identitätskern zu behaupten. Dieser ist interessanterweise auch nicht mehr gänzlich unbelastet, sondern die zeitweilige Verirrung gehört dazu. Ganz wie die Ausstellung zur Entwicklung der deutschen parlamentarischen Demokratie im Deutschen Dom „Wege, Irrwege, Umwege“ heißt. Sich mal zu verirren kann als Teil einer positiven Identität offenbar behauptet werden. Aber auch wenn sie viele verirrten, das andere, das gute Deutschland soll nie tot zu kriegen gewesen sein. Dazu können wir nur sagen: So viele Deutschlands es auch geben mag und wie anders sie auch sein mögen, sie sind alle abzuschaffen.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Vortrag „Die Deutschen und ihre Toten“