Rede zur Demonstration in Potsdam am 23. Juni 2008

Am 21. März 1933 reichte Reichspräsident Hindenburg in der Garnisonskirche Potsdam Hitler die Hand mit den Worten: „Möge der alte Geist dieser Ruhmesstätte auch das heutige Geschlecht beseelen, möge es uns frei machen von Eigensucht und Parteizank und uns in nationaler Selbstbesinnung und seelischer Erneuerung zusammenführen zum Segen eines in sich geeinten, freien, stolzen Deutschlands.“ Mit der Beschwörung neuer nationaler Einheit am sog. ‚Tag von Potsdam‘ fanden Preußen und Nationalsozialismus offziell zusammen.
Auf diesen Schulterschluss von Preußentum, Kirche und Nationalsozialismus mag man sich heutzutage nicht unbedingt positiv beziehen. Deshalb wird in dem geplanten Zentrum für Versöhnung in der Garnisonskirche das Gedenken an den ‚Deutschen Widerstand‘ dagegen in den Vordergrund gestellt. Als ob sich damit offene Widersprüche in den Linien der deutschen Geschichte zeigen würden. Im Namen des ‚Evangelischen Kirchenbauvereins‘ betont Thomas Buske sogar, dass sich in der Garnisonskirche zum ersten Mal echter deutscher Widerstand gegen das NS-Regime zeigte: Gemeint ist damit das Attentat vom 20. Juli 1944; der Putschversuch einiger preußischer Offiziere um Oberst Stauffenburg gegen Hitler und SS.
Auch viele andere zeigen sich begeistert vom militärischen Widerstand der Gruppe um Stauffenberg, vom „Regiment Graf Neun“ in Potsdam, die die Preußischen Tugenden für Deutschland gegen die Bande Hitlers schützte. Der deutsche Widerstand ist eben einfach nur deutscher Widerstand: So ist der ‚Stiftung Preußisches Kulturerbe‘, eigentlich zuzustimmen, dass sich Deutschtum, Preußentum und deren Tugenden im deutschen Widerstand vereinen. Zitat: „Wir brauchen auch heute eine Idee von Deutschland, vom Dienst an der Gemeinschaft, die die Herzen höher schlagen lässt.“
Dieser neue Gemeinschaftsgeist gründet sich allerdings auf preußisch-deutschem Nationalismus und Militarismus, auf Antisemitismus und Antikommunismus. Deswegen fanden sich die Attentäter des 20. Juli zunächst 1933 nicht nur mit Hitlers Machtübernahme ab, sondern begrüßten sie herzlich und im Namen der deutschen Nation. Die Begeisterung für den Nationalsozialismus ließ jedoch nach, als sich abzeichnetete, dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg wohl verlieren würde.
Stauffenberg himself begann im Laufe seiner extrem steilen Karriere als Nazioffizier nur sehr langsam an der Effektivität des Regimes zu zweifeln. Er galt als einer der ‚begabtesten Offiziere‘, als ihm Zweifel an der Kriegsführung der Nazis kamen, die er selbst mitzuverantworten hatte. Die Kontakte zu anderen adeligen Offzieren begannen sich in den Jahren 1942 bis 1944 zu einer Art ‚Verschwörung‘ auszuweiten. Man plante, Hitler zu töten und dem Militär die Regierung zu übertragen. Größere Veränderungen ließen sich allerdings nich unbedingt erwarten. Im Schattenkabinett der Attentäter saß bspw. ein gewisser Artur Nebe, der sich in einer der Einsatzgruppen in der Sowjetunion durch die Organisation von Massenerschießungen an mehreren Tausend Jüdinnen und Juden hervorgetan hatte. Vor diesem Hintergrund erscheint die heute verbreitete Behauptung, Stauffe und seine Mitstreiter hätten die ‚Judenvernichtung stoppen wollen‘ geradezu zynisch. Um Stauffenberg fand sich ein Haufen antisemitischer Adeliger zusammen, der die antijüdische Politik der NS-Regierung guthieß.
Durch den Hype um Stauffenberg und seine Freunde lässt sich eine preußische Tradition konstruieren, die den Händedruck zwischen Hindenburg und Hitler in den Schatten und preußische Tugenden gegen nationalsozialistische Überzeugungen stellt. So spielt Stauffenberg eine wichtige Rolle im diskursiven Kampf um die deutsche Vergangenheit und dafür ist die Garnisonkirche nur eines von vielen Beispielen. Weil sich in seiner Figur beides, Preußentum und Anti-Hitlerismus, unter dem Deckel des Nationalismus vereinigt hat, haben sich die Freunde der Garnisonkirche auf Stauffenberg und seine Kollegen gestürzt.
Stiftung Preußisches Kulturerbe: „Das Datum, an dem sich das positive Preußen noch einmal gewaltig erhob, ist der 20. Juli 1944. Der Versuch, in letzter Stunde den Aufstand gegen den Tyrannen zu wagen. Es war die Charaktertat von einzelnen-, sie handelten jedoch in preußischem Geist und aus christlicher Verantwortung. Vor dem Hintergrund ihrer Tat gewinnt das Glockenspiel der Potsdamer Garnisonkirche eine besondere und tiefere Bedeutung.“
Doch der prüfende Blick auf Stauffi und Co zeigt nur, dass es keinen Grund geben kann, sich auf diese wie auf das Preußentum positiv zu beziehen. Ja, sie stehen für Preußen; denn Preußen ist Ausdruck von Nationalismus, aggresivem Militarismus, Autoritarismus und Antisemitismus.

Die Traditionsbildung mit dem 20. Juli 1944 ist auch eine der Möglichkeiten, Deutschland ein positivierbares Geschichtsbild zu verpassen. Die Deutschen sind nun die Opfer und Gegner Hitlers gleichermaßen: Stauffenberg und seine Kumpanen handelten für Deutschland, wofür sie bis heute fleißig gelobt werden. Für was für ein Deutschland? Da wird ein ‚anderes Deutschland‘ erfunden, für das die ‚Offiziere des 20. Juni‘ gekämpft hätten. Die Abgrenzung von dem Wahn und den Verbrechen der Nazis funktioniert aber nicht, meinten die Attentäter doch das gleiche Deutschland, wie das der Nazis, das vor den Alliierten und besonders dem Bolschewismus zu retten wäre.

Also: Wenn Halb-Nazis gegen Voll-Nazis putschen, dann sagen wir: So what! Wozu nun die ganze Aufregung? – Um Deutschland nach vorn zu bringen. Damit Deutsche nicht mehr als Nazis gesehen werden.
„Landesverrat ist eine Tradition, auf die wir uns positiv beziehen. Vom 20. Juli 1944 wird diese Tradition nicht verkörpert.“ Antinationales Plenum Hamburg, in einer Erklärung zu ihrer Besetzung des Bendlerblocks 1994