Rede zur Kundgebung anlässlich der Europapremiere von „Operation Walküre“ am 20.01.2009

Wenn Kenneth Branagh in der Rolle des Henning von Tresckow heute über die Leinwand flimmert und biblisch-pathetisch sagt: „Gott versprach Abraham, Sodom nicht zu verderben, würde er nur zehn gerechte Menschen darin finden. In Deutschland, habe ich das Gefühl, reicht vielleicht ein Einziger“, dann wird er damit das Herz vieler Deutscher höher schlagen lassen. Denn in diesem Satz ist ausgedrückt, was viele Deutsche gerne glauben würden, und was auch gerne gesagt wird: Weil es Stauffenberg gab, habe Deutschland nicht komplett moralisch versagt.
Der 20. Juli gilt also als die Rettung des Ansehens Deutschlands – und so vermutete der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, dass der Tom-Cruise-Film, letztlich helfen werde, das Ansehen Deutschlands zu verbessern, Florian Henkel von Donnersmark glaubt sogar, dass dieser Film mehr bewirken werde als „100 Weltmeisterschaften“. Der Spott, den die beiden in fast sämtlichen Feuilletons dafür ernteten, kann nicht darüber hinweg täuschen, dass beide nur plump aussprechen, was mit dem Erinnern von Stauffenberg und dem 20. Juli in Deutschland ohnehin betrieben wird.
Stauffenberg als nationaler Held, nun also inszeniert von Superman-und X-Men Regisseur Brian Singer, gilt als die Verkörperung wahrer deutscher Tugend. Er soll für ein „anderes Deutschland“ stehen, das neben dem Nationalsozialismus immer auch bestanden habe – ein Deutschland in dem sich so wunderbare Dinge, wie musisches Interesse, bei Stauffenberg die Zugehörigkeit zum Kreis um den elitären national-romantischen Schwurbeldichter Stefan George, und soldatischer Pflichtethos miteinander verbinden.

Dass Stauffenbergs Gewissen schließlich über die soldatische Pflicht siegte, wird ihm besonders hoch ausgelegt – nicht der Befehl, nicht der Eid auf den Führer war ihm das höchste, sondern das „heilige Deutschland“. Um dieses zu retten, schloss er sich dem illustren Verschwörerkreis um Henning von Tresckow, Friedrich Olbricht, General a.D. Ludwig Beck, und Carl Goerdeler an. Henning von Tresckow als Offizier im Stab der Heeresgruppe Mitte war als Befehlshaber informiert von den Erschießungskommandos an der Ostfront, die sein untergebener Mitverschwörer Arthur Nebe befehligte und stand voll und ganz hinter der „Partisanenbekämpfung“, die de facto nichts anderes war, als ein Massaker an der Zivilbevölkerung. Ebenfalls ein Mann vom 20. Juli, Generaloberst Hoeppner befahl die Erschießung aller russischen Kriegsgefangenen. Ludwig Beck und Carl Goerdeler planten indes die Staatsordnung nach Hitler und machten sich Gedanken darüber, wie Jüdinnen und Juden auf anständige, humanitäre Art aus der deutschen Gesellschaft ausgeschlossen werden könnten und waren liberal genug, „ die Frage der Rassenvermischung (…) dem gesunden Sinn des Volkes (zu) überlassen“:

Weil sich Stauffenberg also diesem illustren Kreis anschloss, deren Überzeugungen er weitestgehend teilte, gilt er als Held. Die Motive der Verschwörer werden entweder verschwiegen oder in die reine moralische Entrüstung gegenüber Kriegführung und Vernichtungslager umgelogen. Eins aber wird immer betont: Der unbedingte Wille, das Vaterland zu retten und wenn nicht dieses, so zumindest seinen Ruf im Ausland. Kein Wunder, dass in jeder PolitikerInnenrede zum 20. Juli der Auspruch Henning von Tresckows nicht fehlen darf: „Das Attentat muss erfolgen, koste es, was es wolle. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.“ Gleichgültig also, ob das Morden in Auschwitz ein Ende findet und gleichgültig ob das Schlachten an der Ostfront weitergeht, hauptsache, dass Ansehen Deutschland ist gerettet, Koste es, was es wolle: Am Ende kostete es Stauffenberg und Co. das Leben und auch das wird ihm hoch angerechnet: Sie starben für Deutschland.

Wenn es also zunächst als große liberale Geste erscheint, dass jedes Jahr am 20. Juli Soldatinnen und Soldaten am Bendlerblock, mittlerweile am Reichstag, öffentlich geloben dürfen, und damit im Gedenken an einen Eidbrecher, dann zeigt sich doch recht schnell, was an Stauffe so verdammt vorbildlich war: Er ging für Deutschland in den Tod und genau das sollen Rekrutinnen und Rekruten heute auch mit dem selben heiligen Eifer tun, wie Stauffenberg, dessen unbedingtes Bekenntnis zur Nation das letzte war, was ihm über seine Lippen ging.
Doch nicht nur das Opfer für das Vaterland macht Stauffe so praktisch für die Bundeswehr. Er ermöglicht auch genau den Traditionsanschluss an die Wehrmacht, die seit der Wehrmachtsausstellung nicht mehr möglich war. Nicht mehr die ganze Wehrmacht, zumindest aber die angeblich „anständigen“ Leute vom 20. Juli können als positive ungebrochene deutsche militärische Tradition abgefeiert werden, trotz Beteiligung an Kriegsverbrechen – denn schließlich waren sie gegen Hitler.

Dass dieses kleine militaristische Ritual genau seit 1999 am 20. Juli stattfindet, also seit dem Jahr, wo Deutschland wieder Angriffskriege führt, ist sicherlich kein Zufall. Da musste die ideologische Untermauerung deutschen Soldatentums erneuert werden, da musste das Opfer fürs Vaterland wieder beschworen werden, da musste man sich der deutschen Geschichte entledigen. So einfach, den NS zu verschweigen, konnte man es sich aber nicht machen. Vielmehr wird die Bundeswehr im Gedenken an Auschwitz in den Krieg geschickt. Sie muss also sowohl eine lange militärische Tradition haben, die frei ist vom NS und trotzdem so opferbereit und nationalistisch wie möglich. Für beides, die Opposition gegen Hitler und militaristischen Nationalismus steht Stauffenberg.

So wird wahrscheinlich der Film in den USA auch weniger den Effekt haben, Deutschland zu rehabilitieren, als auch dort das Opfer fürs Vaterland populär zu halten, damit sich weniger Leute die „boys back home“ wünschen.
Hier in Deutschland hat er aber noch einen anderen Effekt: Indem man sich in die Tradition Stauffenbergs stellt, wird der NS zur Geschichte irgendwelcher anonymen anderen. Die eigene Geschichte, das ist die Geschichte von Stauffe und Co.

Schade nur, dass diese eben auch Antisemiten, Rassisten, Mörder und Antidemokraten waren – aber das lässt sich schon irgendwie wegdiskutieren. So fuhr Guido Knopp in seiner angeblich „wahren Geschichte“ des Stauffenberg den Stauffenberg-Biografen Peter Hoffmann auf, der die rassistischen und antisemitischen Bemerkungen Stauffenbergs über Polen – die Bevölkerung dort sei „ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden, sehr viel Mischvolk, ein Volk das sich nur unter der Knute wohlfühlt“ – unwidersprochen in eine Landschaftsbeschreibung und eine bloße Beschreibung der Lebensverhältnisse umlügt und sich dann erdreistet, jede politische Interpretation des Zitates als aufgeregten Unsinn abzutun.

Nein, „unserem“ Stauffenberg, soll man huldigen, ihn nicht schmähen und schon gar nicht nach seinen politischen Motiven fragen, denn wenn man es tut ist eines sehr schnell klar:
Stauffenberg war ein Reaktionär, er war ein Militarist, er war ein Nationalist, er war Antisemit.

Und doch war er ein Held für viele, denn dieses Land will Kriege führen – und ein Land das Kriege führen will, braucht auch Helden.

Wir brauchen keine nationalen Helden, wir wollen keine nationalen Helden! Denn wir brauchen weder Kriege, noch eine Nation. Stauffenberg abschalten! Eject Germany!