Rede zur Kundgebung anlässlich der Europapremiere von „Operation Walküre“ am 20.01.2009

Die Gründe für das Gedenken und Erinnern von Menschen, Taten und Ereignissen können vielfältiger Natur sein. Ebenso vielfältig wie die Anlässe, die Orte, die Abläufe und die Zeitpunkte des Gedenkens.

In diesem Jahr finden nun wieder allerlei Gedenkfeierlichkeiten in Deutschland statt. Es können und sollen unter anderem 2000 Jahre Varusschlacht, 60 Jahre Grundgesetz und 20 Jahre Mauerfall bejubelt werden. Schaut man nun einmal genauer hin, dann fällt schnell auf, dass mit diesen Feierlichkeiten so einiges nicht stimmt und die Gründe für diese Feierlichkeiten sind schnell genannt es geht um Deutschland, um Deutschland, um Deutschland.

Ja, es findet ein nationales Supergedenkjahr statt und so kommt es ganz gelegen, dass ein nationaler Superheld nun endlich auch im Kino seinen Platz gefunden hat. Wie er dort repräsentiert ist, dass soll uns nur am Rande interessieren. Aufschlussreicher sind viel mehr die aufgeregten Debatten, die in der deutschen Öffentlichkeit, in den Feuilletons auch des kleinsten Provinzblättchens und in der deutschen Politik ausgetragen werden bzw. wurden.

Da sah mensch in Folge einer erteilten Drehgenehmigung, die Würde des Ortes Bendlerblock bedroht, da wurde die Scientology-Zugehörigkeit des Hauptdarstellers Tom Cruise zum Ausschlusskriterium und die Fähigkeit Hollywoods wurde bezweifelt, eine komplexe Heldenfigur, wie der Oberst Stauffenberg eine sein soll, angemessen darstellen zu können. Andererseits verbindet sich mit dem Film für viele die Hoffnung, dass Stauffenberg und seine Tat nun endlich auf Welttournee gehen können und Deutschlands Ansehen in der Welt kräftig aufpolieren.

Der Oberst Stauffenberg spielt also offensichtlich eine wichtige Rolle im deutschen Nationalepos. Anders sind diese Diskussionen alle wohl nicht zu erklären. Dass es sich bei den Verschwörern des 20. Juli 1944 um Antisemiten, Militaristen, Neue Rechte und andere schauerliche Gestalten handelte, darauf wurde schon vielfach hingewiesen. Wie kommt es nun aber, dass sogar SozialdemokratInnen, Liberale und moderne Konservative sich positiv auf Stauffenberg und seine Freunde beziehen, obwohl sie scheinbar mit seinen politischen Überzeugungen nichts anfangen können?

Zu allererst geht es um Deutschland. Das explizite Bekenntnis der Attentäter zur deutschen Nation, ihr Wille, Deutschlands Ansehen in der Welt zu retten. Sprich: das Wohlergehen der eigenen Nation zum Leitfaden des eigenen Handelns zu machen, dies ist es, was deutsche DemokratInnen so fasziniert.

Und damit die Anknüpfung an Stauffenberg und Co. reibungslos vollzogen werden kann, werden ihre politischen Ziele und Motive durch die Hilfskonstruktion der Zeitverhaftetheit relativiert. So entblödet mensch sich nicht, zu behaupten, Stauffenberg hätte aus den Horizonten seiner Zeit gehandelt und es wäre unsagbar bequem und selbstgefällig, von der heutigen Zeit aus die Zögerlichkeit vieler deutscher Widerständler zu verurteilen. Der Widerstand wird also politisch ausgehöhlt . Stattdessen werden unbestimmte Werte wie Mut, Humanität und Moral beschworen. Es wird von der Wiederherstellung der Majestät des Rechts , dem Einsatz für Recht und Menschlichkeit oder gar einem starken Zeichen für Frieden, Freiheit und Demokratie gesprochen. Diese Phrasen können je nach historischen Zusammenhängen aktualisiert und inhaltlich gefühlt werden. Natürlich so lange Deutschland dabei nicht in Frage gestellt wird.

Und so wird auch klar, warum so gerne vom Aufstand des Gewissens gesprochen wird, obwohl doch viele der am Attentat Beteiligten erst einmal kaum sichtbare Probleme damit hatten, halb Europa in Schutt und Asche zu legen und Millionen von Menschen umbringen zu lassen. Es handelte sich dabei um den Aufstand eines nationalistischen Gewissens, welches Deutschland vor dem Untergang bewahren wollte.

Dieses nationalistische Gewissen findet seinen würdigen Platz im Bild des anderen Deutschland , mit dem Oberst Stauffenberg als herausragenden Repräsentanten an der Spitze. Dieses andere, bessere Deutschland , soll dabei all jene anständigen Deutschen repräsentieren, die dem Nationalsozialismus distanziert gegenüber standen. Dies wird in diesen Zusammenhängen ja wie selbstverständlich für die meisten Deutschen beansprucht. Und so wird entgegen der historischen Wahrheit, das andere Deutschland gegen Hitler in Stellung gebracht. Der gute Deutsche Stauffenberg gegen Hitler. Ein perfekter Showdown der die Aufregung um die Millionen Opfer des deutschen Wütens vergessen lässt.

In Stauffenberg findet die BRD also die passende Figur für das eigene Drama und stellt sich in die Tradition des anderen Deutschland . Als Erfinder und Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung haben die Deutschen die richtigen Lehren aus der Vergangenheit gezogen, ebenso wie Stauffenberg in seinem ganz persönlichen kleinen Drama um den Eidbruch. Und so kann Guido Knopp unverblümt behaupten, Stauffenberg hat uns ein bisschen freier gemacht.

Deutschland hat sich also von der Last der Vergangenheit befreit. Auf internationaler Ebene tritt Deutschland als Global Player auf, auf nationaler Ebene ist das Bekenntnis zu Deutschland allgemeines Gedankengut. Die eigenen Interessen werden den nationalen Interessen untergeordnet oder verschmelzen gar mit ihnen. Die Bereitwilligkeit Stauffenbergs und seiner Mitstreiter für Deutschland bis zum Äußersten zu gehen , lassen das Opfer für das Vaterland zu mehr Ehre gelangen. Das scheinbar moralisch Höhere, das Verzichten und Opfern für den Standort Deutschland wird zum Leitfaden für all die anständigen Deutschen.

Damit wollen wir nichts zu tun haben! Wir brauchen keine nationalen Helden, wir wollen keine nationalen Helden! Denn wir brauchen keine Nation. Stauffenberg abschalten! Eject Germany!