Archiv für Juli 2014

70 Jahre 20. Juli

…und kein Ende der nationalen Selbstvergewisserung über dieses Ereignis.

Die Welt gibt wieder, was Bundespräsident Joachim Gauck so über die historische Bewertung schwadroniert:

Die Bombe erreichte zwar ihr Ziel nicht, Hitler überlebte die Explosion leicht verletzt, und auch der trotzdem eingeleitete Staatsstreich wurde binnen eines halben Tages brutal niedergeschlagen.

Das sei jedoch nicht entscheidend, hielt der Bundespräsident fest und fragte rhetorisch:“Wie bemessen wir überhaupt Erfolg und Scheitern in der Geschichte? Der zeitliche Abstand von 70 Jahren sollte uns Anlass sein, auch darüber nachzudenken.“

Wenn nämlich „das Wirken in die Welt hinaus und in die Zukunft hinein“ der Maßstab sei, so das Staatsoberhaupt in seiner Gedenkrede weiter, „dann sollten wir zumindest sehr vorsichtig sein mit Begriffen wie ,Scheitern‘ oder ,Misserfolg‘.“ Denn der 20. Juli und all die anderen Versuche des Widerstands gegen Hitler und das NS-Regime haben seinen Worten zufolge „nicht nur eine faktische Bedeutung, sondern sehr klar eine moralische – und bei genauer Betrachtung natürlich auch eine eminent politische.“

Die moralische und die politische Bedeutung sind also der eigentliche Erfolg. Dies ist natürlich wichtiger als das, was das Attentat hätte im besten Falle erreichen können: das Ende des Krieges und der Shoah und damit die Verhinderung mehrerer Millionen Toter. Über diese kann ein deutscher Bundespräsident natürlich nonchalant hinwegtrampeln, geht es doch um Größeres:

Gauck betonte, dass die Bundesrepublik aus diesem Erbe, nachdem sie „verspätet die Bedeutung des militärischen Widerstands“ begriffen hatte, „Legitimation schöpfen“ konnte.

Der Chefkommentator der Welt hingegen erklärt nochmals ohne näheres Interesse an historischen Zusammenhängen rein moralische Gründe zum einzigen Beweggrund des Attentats:

Die wahre Antriebskraft der Verschwörer war ihr Wissen um den Massenmord an den Juden, um den Mord an Geisteskranken, den Hungertod Hunderttausender russischer Kriegsgefangener und die Gräuel in den KZ, ihr Wissen um die Kirchenverfolgung und die Entrechtung des Menschen überhaupt. Der Grund, das Attentat auf Hitler zu wagen, war nicht der Wunsch nach einem besseren materiellen Leben, sondern die Moral und das Gewissen.

Und damit – trara – ist der 20. Juli „zeitlos einzigartig“. Denn vergleichen wir es mit anderen historischen Ereignissen:

Es gab in der Geschichte viele Umstürze, Revolutionen und Attentate. Aber es gibt nur sehr wenige Ereignisse, die mit einem solchen moralischen Anspruch geplant und vollzogen wurden. Vielleicht gibt es sogar keinen weiteren Umsturzversuch von derartiger Tragweite, dessen Ursache nicht materielle, sondern ausschließlich moralische Beweggründe waren.

Der Anlass für die amerikanische Revolution war eine Steuererhöhung, weil die Kolonialherrin Großbritannien Feldzüge finanzieren wollte. Der Antrieb für die Französische Revolution kam zwar aus dem Freiheitswillen – Anlass aber war die desolate Wirtschaftslage großer Bevölkerungsschichten, verbunden mit immer neuen kriegsbedingten Abgabenlasten.

Am 20. Juli 1944 war das anders.

Wir haben zwar schon viel Unsinn gelesen, der zu diesem Datum verbreitet wurde, die These der Singularität des 20. Juli ist aber nun wirklich ein ideologisches Kunststück sondergleichen. Denn nun haben die Deutschen nicht nur das singuläre Verbrechen, sondern eben auch die singuläre moralische Großtat auf ihrer Seite. Damit ist ja dann die Rechnung quitt.

Nun wo die Rechnung quitt ist, kann das Publikum auch zur Bescheidenheit angehalten werden: „Stauffenberg war kein Halbgott, er hatte Angst.“ Ach, so.