Gelöbnix 2009

Auch am diesjährigen Protest gegen das öffentliche Gelöbnis vor dem Reichstag beteiligte sich …nevergoinghome mit einem Transparent und einem Redebeitrag. Dies war auch bitter nötig. Ein Bezug auf Geschichte war diesmal in nur einer Rede überhaupt hergestellt worden. Hier jedoch enttäuschte uns der Vertreter des VVN/BdA zutiefst, indem er einen positiven Bezug auf Stauffenberg herstellte. Wo sind die Antimilitarist_innen geblieben, die früher solide Arbeit bei der Stauffenbergkritik geleistet haben?

ngh bei geloebnix

Guttenbergs Festgeschwurbel

Dass der 20. Juli nach wie vor – und gerade am 65. Jahrestag des Attentats – wieder für alle möglichen ideologischen Zwecke in Stellung gebracht wird beweist gut die Rede von Theodor zu Guttenberg. Er verdiente sich damit sicherlich den Schwurbel-Preis.

Für Freiheit, Recht und Menschenwürde haben die Widerständler um Graf Stauffenberg ihr Leben eingesetzt, es geopfert und dennoch ein ehernes Fundament für Leben gesetzt. Für unser – vielleicht allzu oft beklagtes – Leben, auch das meiner Generation.

Das Leben fürs Vaterland geben, ein fettes Lob dafür fast gleich zu Beginn.

Zudem ringt dieser Gedenktag so lange mit der Gegenwart wie die Begriffe Ehre, Stolz oder Vorbild Ausdruck einer verklemmten Schüchternheit bleiben. Die Männer und Frauen des Widerstandes haben unsere Ehre verteidigt und sie uns weitergereicht. Deshalb ehren wir sie heute.

Klingt unmodern, weiß Guttenberg selbst, und fährt fort:

Darf man nun das Wort „Ehre“ mit der Prinzipientrias „Freiheit, Rechtsstaat und Menschenwürde“ verbinden? Meines Erachtens bedingen sie einander. Beides, die benannten Maximen und ein damit verwobenes, wohlgesetztes Ehrverständnis widerspiegeln grundlegende Werte, ja ein Erbe des christlich-jüdischen Abendlandes.
Die unbedingte Notwendigkeit, die Flamme jener fundamentalen Grundsätze am Leben zu erhalten, hat sich über 65 Jahre nicht relativiert. Und angesichts der Asymmetrie heutiger Bedrohungen und unterschiedlicher Verständnisse der offenen Gesellschaft – Stichwort Iran – erklärt sich jenes Erbe nicht lediglich aus der Vergangenheit. Ich darf dies als Vertreter der Bundesregierung sagen und als einer, der an dieser Stelle erstmalig aus der – wenn man so will – Urenkelgeneration kommt.

Gutti will uns also folgendes sagen: weil die offene Gesellschaft in Europa und den USA entstanden ist, wo mal echte Prinzipien wie Ehre und Treue herrschten, bis sie von der offenen Gesellschaft abgelöst wurden, eben deshalb soll man diese Prinzipien hochhalten.
Und ausgerechnet Stauffenberg soll leuchtendes Vorbild dafür sein, die offene Gesellschaft gegen den Iran zu verteidigen, ein Mann der bei soviel Ordnung und Glaubensfestigkeit in einem Land sicher beeindruckt gewesen wäre.

Nachdem er seine eigene Verwandschaft mit den adligen Verschwörer_innen mehrfach bekräftigt, geht es ihm wieder darum, wie wichtig Helden und Vorbilder sind:

Auffällig ist indes, dass wiederholt ein anderes Extrem gesucht wird: der belehrende, akribisch die Schwächen suchende und nicht selten zur Marginalisierung neigende Unterton in der Beschreibung der Widerstandsbewegung. Auch hierbei gewinnt dieser Gefängnishof, gewinnt Plötzensee seine Eiseskälte zurück.

Worauf richtet sich dieses Ansinnen? Möglicherweise auf das Verständnis von Vorbildern. Tatsächliche Vorbilder für verantwortungsvolles Handeln entspringen jedoch nicht der Erkenntnis von Übermenschlichkeit, sondern im Ergebnis ist es gerade das Menschliche, was die Taten groß, auch heldenhaft erscheinen lässt. Es wäre ein Ausweis der Armseligkeit, wenn der moralisierende Maßstab des Übermenschlichen – angelegt von allzu menschlichen Vertretern – das Land seiner Vorbilder berauben würde.

Da wird wieder gemenschelt, das es kracht, nur um jede Kritik zu ersticken. Und noch eine andere beliebte Figur wird aufgefahren:

Immer wieder wird im Zuge des 20. Juli „mangelndes Demokratiebewusstsein unter den Verschwörern“ beklagt. Was für ein komfortables, ja manchmal hochmütiges Urteil – sei es aus dem angeblich gefestigten Wissen unserer Zeit oder aus Gründen individueller Geschichtsbewältigung. Die Frage, ob sich letztere Haltung aus dem Streben nach Minimierung der Gefahr persönlichen Scheiterns erklärt, mag an dieser Stelle unbeantwortet bleiben. Die Divergenz zu den Mitgliedern des NS-Widerstandes wäre allerdings bezeichnend.

Alle, die Stauffenberg kritisieren sind postheroische Weicheier, die keine Ahnung haben von aufopferungsvollem Kampf, sondern mit knöchrigen Fingern über ihren Büchern in der am Hindukusch verteidigten Freiheit und Sicherheit der Biobliothek hocken und nur nörgeln mögen. Oder nochmal mit Guttenberg:

Altklugheit ist in der Regel ein Produkt der Bequemlichkeit.

Nachdem erst gesagt wurde, dass das doch nicht so wichtig ist, ob das nun Demokrat_innen waren oder nicht, wird aber explizit nur der Einsatz für Demokratie als Lehre postuliert:

Der behagliche Glaube an die Demokratie als Selbstläufer ist hingegen eine gefährliche Haltung. Zumal in Krisenzeiten, die einige genügsam nutzen, um Systemfragen zu stellen. So trivial es klingen mag: Die Demokratie lebt vom Einsatz der Demokraten.
Vor 20 Jahren wurden im Osten Deutschlands diesbezüglich großartige Zeichen gesetzt. Wir dürfen sie nicht in Vergessenheit geraten lassen. Den Systemkritikern von heute ist Widerstand zu leisten – allerdings mit einem Demokratieverständnis, das nicht nur Engagement, sondern auch Selbstvertrauen einfordert.

Der Bogen zu und die einheitliche Geschichte mit 89 ist auch ein Klassiker. Schön, dass Stauffenberg auch explizit dafür genutzt wird, gegen alle massiv vorzugehen, die so dreist sind, die Systemfrage zu stellen.